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Korea

Wo die Form geblieben ist: Austen, Brontë und K-Dramen

Im ersten Teil ging es darum, warum koreanische Serien an Jane Austen erinnern. Jetzt die unangenehmere Frage: Wo ist diese Erzählform bei uns eigentlich hingekommen?

Kurze Antwort: ins Kino. Und ins Streaming.

Die lange Antwort hat Zahlen. Und einen Haken.

Für alle, die K-Dramen bisher erfolgreich ausgewichen sind: Eine koreanische Serie erzählt meist in sechzehn Folgen eine einzige offene Frage – kriegen sie sich oder nicht –, und das Hindernis ist fast immer gesellschaftlich: Herkunft, Geld, Familie. Das Glück wird aufgeschoben, Folge um Folge.

Das ist kein Konstruktionsfehler. Das ist das Konstruktionsprinzip.

Im Fernsehen: Cornwall am Sonntag

Ganz verschwunden ist die Liebesgeschichte aus dem deutschsprachigen Fernsehen nicht. Sie hat nur den Wohnsitz gewechselt: an den Sonntagabend, nach Cornwall. Das ZDF zeigt „Rosamunde Pilcher“ seit 1993. Das Publikum ist laut Sender im Schnitt 59 Jahre alt, und das ZDF hat die Zahl neuer Pilcher-Filme verringert, um mit dem Geld Jüngere zu erreichen.

Das nennt man, glaube ich, Generationenvertrag.

Über die Erzählform sagt das wenig. Über das lineare Fernsehen, dessen Publikum mit ihm älter wird, umso mehr.

Im Kino: zwei Beispiele

„Little Women“ (2019), Greta Gerwigs Verfilmung des Romans von Louisa May Alcott, erzählt von vier Schwestern, Geld und Heirat. Herstellungskosten 40 Millionen Dollar, weltweites Einspiel rund 219 Millionen.

„Wuthering Heights“ geht auf Emily Brontës Roman von 1847 zurück: Heathcliff, ein Findeljunge ohne Herkunft, und Cathy, die Tochter des Hauses. In der gängigen Lesart scheitert ihre Liebe an Herkunft und Stand. Also an genau dem, woran im koreanischen Fernsehen bis heute die Liebe scheitert.

Wöchentlich.

Emerald Fennells Verfilmung mit Margot Robbie und Jacob Elordi startete am 13. Februar 2026, pünktlich zum Valentinstag. Sie ist eine freie Adaption, und die Kritik war gespalten: Manchen war der Stil zu opulent, anderen die Vorlage zu frei gelesen. Das Publikum hat das nicht gestört. Nach einem Monat lag das weltweite Einspiel bei mehr als 210 Millionen Dollar, bei Herstellungskosten von 80 Millionen.

FilmHerstellungEinspiel weltweit
Little Women (2019)40 Mio. $rund 219 Mio. $
Wuthering Heights (2026)80 Mio. $über 210 Mio. $ (nach einem Monat)

Branchenbeobachter nannten zum Start drei Gründe: den klassischen Stoff, die Besetzung und die offen erotische Umsetzung. Über die Reihenfolge kann man streiten. Über das Ergebnis nicht. Abgeschreckt hat offenbar auch nicht, dass die Geschichte nicht gut ausgeht.

Netflix hatte 150 Millionen Dollar für den Film geboten. Die Produzenten nahmen ein niedrigeres Angebot von Warner Bros., weil das Studio einen breiten Kinostart zusagte.

Man muss es sich leisten können, 150 Millionen abzulehnen. Die meisten von uns üben das noch.

Was man daraus nicht ablesen kann

Erfolg lässt sich im Nachhinein immer erklären. Das ist wie ein Krimi, den man von hinten liest: Der Täter war von Anfang an verdächtig.

Vorher wusste niemand, ob „Wuthering Heights“ ein Publikum findet. Netflix hat 150 Millionen darauf gesetzt, die Produzenten auf das Kino. Wer die Zahlen heute kennt, weiß mehr als alle Beteiligten damals. Ein Verdienst ist das nicht.

Und die Kasse ist nicht der Gewinn. Die Kinos behalten ihren Anteil an jeder Karte.

Die Zahlen zeigen, dass es für diese Form ein Publikum gibt. Wie man es erreicht, zeigen sie nicht.

Wo koreanische Serien dasselbe tun

Was im europäischen Kino einzelne Filme schaffen, liefern koreanische Serien laufend, und zwar über Streamingdienste. „Queen of Tears“, schon im ersten Teil Thema, lief 2024 auf dem koreanischen Sender tvN und war im ersten Halbjahr 2024 die meistgesehene koreanische Serie auf Netflix, mit 689,5 Millionen Sehstunden. Die Geschichte: eine Ehe zwischen der Erbin eines Konzerns und einem Mann aus einer Kleinstadt.

Herkunft, Geld, Familie. Jane Austen hätte sich ausgekannt.

Für europäische Leserinnen und Leser ist das der eigentliche Kulturtransfer: Was man bei uns aus dem 19. Jahrhundert kennt, ist in Korea Gegenwart. Und wird von dort aus in die ganze Welt gestreamt.

Was sich übertragen lässt

Nicht die Geschichte, sondern die Technik: eine Frage lange offenzuhalten, Nähe über Zeichen statt über Handlung zu bauen, den Verzicht als mögliches Ende zuzulassen.

Und eine Voraussetzung: Das Hindernis muss glaubwürdig sein. Bei Austen ist es das fehlende Vermögen, bei Crash Landing on You die Grenze zwischen Nord- und Südkorea. Wer in Wien eine Liebe zwischen Arm und Reich für unüberwindlich erklärt, erntet ein „Geh bitte“.

Eine Geschichte dieser Art erzählen wir selbst: „Hanni“ handelt von einer Wienerin und einem koreanischen Exilpolitiker in den 1930er-Jahren. Ich bin also befangen, das sei offen gesagt.

In den nächsten Teilen dieser Reihe stelle ich weitere Filme neben koreanische Serien.

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