RITZLFILM
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Wildwechsel

Im Gewerbeviertel im 23. Bezirk eröffnete ETAS im Oktober nahe den „Besitzungen“ von Porsche Liesing eine Dependance mit einem TV-Studio plus Nebenräumen. Wolfgang Ritzberger besuchte die Eröffnung der ETAS-Sphere.

Volles Haus, voller Eiskasten, der angesichts des „Leerflaschenlagers“ wohl öfter nachgefüllt worden sein musste. Alexander Marik, der mit der ETAS-Sphere sein neuestes Baby vorstellte, hatte es, wie meist, an nichts fehlen lassen. Auch technisch bestückte er das Studio mit den besten Stücken aus seiner Kollektion – ETAS betreibt ja auch einen umfangreichen Gerätemietpark. Studiokameras von Black Magic, dahinter im Studio die Steuereinheiten, entweder virtuell als Software auf einem Rechner – für den Studiobetrieb sicher ausreichend – oder, was sich bei einem Fußball-Match sicher besser macht, mit externer Hardware, so wie die herkömmlichen Remotes für Kamerazüge. Daneben das neue Flaggschiff von Newtek, der TriCaster TC1 – das Wortspiel aus „tri“ und „caster“ wie Broadcaster hat schon seinen Grund, denn das Zauberding kann mindestens drei Dinge auf einmal: eine Mehrkameraproduktion live abwickeln, Files zuspielen und das alles gleichzeitig über einen internen Ingest aufzeichnen. Warum mindestens? Die Kiste verwaltet gleichzeitig auch Templates für Grafiken, Inserts oder ganze Setups etwa für Greenscreen, die mit externen Programmen wie After Effects erstellt wurden. Dabei spielt der TriCaster diese Grafiken nicht nur zu, man kann sie sogar zum Teil bearbeiten – etwa den Namen des Studiogastes bei gestalteten Inserts mit einer animierten Bauchbinde mit Sendungslogo – und sofort live gehen. An externer Hardware ist ein Bildmischer dabei, und wem die Anzeigen auf dem Schirm des TriCasters zu wenig, zu klein oder was auch immer sind, kann alles erstens beliebig anordnen und zweitens auch auf eine Hausmauer projizieren. Meist werden es, wie im Studio der ETAS, mehrere 60 Zöller sein, auf denen sich Preview, Premix, PGM, also Programm, und alle Zuspieler, Grafiken etc. – bei Bedarf auch noch etliche andere Fenster – darstellen und anordnen lassen. Und das alles mit dem TC1, wenn gewünscht in 4K oder UHD und 60p – noch Fragen? Wer, so wie ich, schon mit den Vorgängerversionen – den TriCaster gibt es in mehreren Größen – gearbeitet hat, weiß die Vorzüge dieser kleinen „Wunderkiste“ zu schätzen. Vom Live-Betrieb bei Veranstaltungen bis zu richtigen TV-Produktionen lässt sich damit eine große Bandbreite abdecken.

In der ETAS-Sphere jedenfalls steht ein TriCaster bei Bedarf zur Verfügung. So wie das Filmund Fotostudio generell in Modulen angeboten wird: In der Grundausstattung steht ein Greenscreen-Horizont zur Verfügung mit Licht-Trussen auf Motorzügen, auf denen im „Startpaket“ eine Basisausleuchtung, vor allem des Greenscreens , der sich so ohne Hotspots präsentiert, inkludiert ist. Wie es dann weitergeht, bestimmt der Kunde. Entweder alles mitnehmen – mit den Nebenräumen ist ausreichend Stauraum sowie genug Platz für einen Aufenthaltsraum, allenfalls auch für Maske und Garderobe, vorhanden – oder im Katalog der ETAS blättern und alles anmieten. Das Spektrum an Möglichkeiten ist groß, wobei die Größe – etwa 500 Quadratmeter – natürliche Limits setzt. Der Zweikampf zwischen Anakin Skywalker und Obi Wan Kenobi auf dem Lavaplaneten wird sich eher nicht ausgehen, das Cockpit des Millennium-Falken aber allemal. Bei der Eröffnung sprach die ETAS-Mannschaft von Interesse von größeren Unternehmen, die hier ihre Videoblogs für das firmeninterne Intranet aufzeichnen wollen, bis zu TV-Stationen, die überlegen, das Studio für Trainingsund Schulungszwecke anzumieten.

Die Vorgeschichte

Am Regieplatz erklärte Robert Fara die Feinheiten der hier verbauten und angebotenen Technik. Für ihn persönlich war der Abend auch mit ein wenig Wehmut verbunden. Denn das Studio hatte eigentlich er gebaut, aber nicht für ETAS, sondern für ein von Hannes Krautzer (Krautzer, Lynn) ins Leben gerufenes Projekt: Jagd und Natur TV. Krautzer war vor UrZeiten beim ORF, in der heute schon legendären ArgumenteRedaktion des Alfred Schiejok, der Jahrzehnte lang so etwas wie der Ombudsmann des ORF war und sich für ungerecht behandelte Mitbürgerinnen und -bürger ins Zeug legte. Hannes Krautzer und Hans Jörg Schimanek, der später Karriere als FPÖ-Mandatar machte, stellten als Redakteure nicht selten die beinharten Fragen an die Bösewichte, die beim ausgewählten Fall betrogen, belogen und sich bereichert hatten – also Vermieter, Firmenchefs, Konzernherren. Nachdem der ORF diese Sendungen eingestellt hatte, suchte sich die Mannschaft neue Aufgaben. Schimanek ging in die Politik, Krautzer blieb dem Genre treu. Die Idee, Filme für ein bestimmtes Klientel zu produzieren, konzentrierte sich auf die Schnittmenge der Freunde der Natur einerseits und, das war der Clou, die Jäger andererseits. Wenn man weiß, dass in der letzten Jagdsaison rund 130.000 Jagdkarten und mehr als 11.000 Gastjagdkarten ausgegeben wurden und hier noch Angehörige dazurechnet, wäre das als Zielpublikum durchaus attraktiv. Übrigens mehr als ein Drittel der so erfassten Jäger in Österreich sollen laut „Jagdfakten“, der Webseite des Dachverbandes der Landesjagdverbände, Jägerinnen sein. Die Klientel ist und war aber auch aus einem anderen Grund interessant. Kaum ein anderes Aggregat von Menschen als die „Jägerinnen und Jäger“ ist sich so bewusst, dass es sich verteidigen, seine Position ständig erklären und vor allem die schlichte Daseinsberechtigung darstellen muss. Das Image des Jägers – im Witz lautet die Definition vom Jäger „schwerbewaffnete Alkoholiker auf der Suche nach der nächsten Waldschenke“ – ist geprägt von Vorurteilen, dem Verharren in archaischen Ritualen und einem absurden Sprachgebrauch. Dem halten die Jäger und ihre Verbände die Argumente von der Hege und Pflege entgegen. Wer sich auf den einschlägigen Webseiten umsieht, entdeckt alle Argumente, die die Gegner der Jagd nicht mehr hören wollen, die sich aber auf Fakten beziehen. Etwa dass der Wald jährlich wächst, die Wildbestände nicht zurückgehen, sondern ebenso wachsen und dass sogar der urbane Raum von mehr Wildtieren bewohnt wird, als gemeinhin vermutet. Mir war nicht bewusst, dass in Wien mehr als 500 Füchse, 200 Biber und ähnlich viele Dachse geschätzt werden. Ebenso klassisches Rotwild und Niederwild – und nicht nur am Zentralfriedhof und am Gelände des Flughafens, bekanntlich zwei sehr beliebte Jagdreviere, denn, und das überlauern auch die Viecher, dort haben sie weitgehend Ruhe vor ihrem schlimmsten Feind, dem Menschen. Um das zu kommunizieren, nebst zahllosen Rezepten für die Zubereitung von Wildfleisch, war Jagd und Natur TV zur Stell, und es funktionierte blendend. So blendend, dass man das Studio im 23. Bezirk baute und dort richtige Sendungen produzierte, Diskussionen im Studio und so weiter. Dass die Botschaften über den Kreis der Jagdinteressierten nur ganz wenig hinausgeschwappt sind, mag ein persönlicher Eindruck sein – ich habe in der ETAS-Sphere erstmals von Jagd und Natur TV gehört, aber daran ist das Unternehmen nicht gescheitert. Es dürften im Lauf der Zeit gröbere inhaltliche Differenzen mit Verantwortungsträgern einzelner Jagdverbände entstanden sein, wie diversen Stellungnahmen, die noch im Netz zu finden sind, zu entnehmen ist, die 2018 eskaliert sind. Das wirtschaftliche Gedeihen der auf Jagdthemen spezialisierten Produktionsfirma war offensichtlich zu einem Gutteil nicht nur von freundlichen Gesichtern, sondern auch von wirtschaftlichen Zuwendungen der Repräsentanten „der Jagd“ in Österreich abhängig, und genau dort schien die Begeisterung, zumindest bei einigen, plötzlich enden wollend zu sein.

In den Statements des Jagdverbandes ist jedenfalls zu lesen, dass man nicht gewillt sei, die Mitgliedsbeiträge für ein Investment in eine Filmproduktionsfirma zu verwenden. Das Entziehen von Geld und Wohlwollen war’s dann, im April 2019 wurde unter der Aktenzahl 5S34/19p das Konkursverfahren über die Krautzer, Lynn Mediaevents und Kommunikationstechnik GmbH eröffnet, einen Tag später der Konkurs der jagdundnatur.tv Medien und Beteiligungs GmbH an der gleichen Adresse, an der das Studio heute von der ETAS betrieben wird. Robert Fara jedenfalls freut sich, dass das Studio wiederbelebt wurde. Filme für die Jäger macht er übrigens immer noch, seltener halt und nicht mehr ganz so auf Alexander Marik hat sich einmal mehr als umtriebiger und ideenreicher Verkäufer präsentiert und füllt auf den ersten Blick mit seinem Studio eine Lücke. Nicht die ganz große, die das Ende des Rosenhügels aufgerissen hat, und auch nicht die ganz kleine, die eben von den ganz Kleinen gefüllt werden – nein, eher so mittendrin. Damit nutzt er in Verbindung mit der Verleihabteilung der ETAS und dem kreativen Part, den sichtlich der Überlebende des „Jagdfernsehens“ ausfüllt, entsprechende Synergien.

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