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Korea

Wem gehört der Erfolg

Zwei koreanische Verhandlungen mit demselben Streamingdienst, wenige Jahre auseinander, mit entgegengesetztem Ausgang. Was europäische Produzenten daraus lernen können — und was nicht.

Fall eins: Der teuerste Erfolg der Fernsehgeschichte

Als Squid Game 2021 erschien, war es die erfolgreichste Serie, die Netflix bis dahin ausgestrahlt hatte. Die Produktionskosten lagen im niedrigen zweistelligen Millionenbereich, der geschätzte Wert für die Plattform um ein Vielfaches darüber.

Bei den Machern kam davon nach übereinstimmender Berichterstattung nichts an. Die Produktion war gegen eine Herstellungspauschale beauftragt worden, das geistige Eigentum lag bei der Plattform, eine Beteiligung am Erfolg gab es nicht. Die Vertragsdetails sind nicht veröffentlicht; öffentlich sind die Aussagen der Beteiligten und die Debatte, die daraus folgte.

Das ist kein Betrug, sondern die übliche Konstruktion: Wer die Herstellung bezahlt, bekommt das Werk. In Korea hat der Fall trotzdem eine Debatte ausgelöst — über Beteiligung, über Auslandsauswertung, über die Frage, wem der Wert gehört, wenn die Kosten die eine Seite trägt und der Erfolg auf der anderen anfällt. Das Kulturministerium hat daraus später eine Bedingung gemacht: Förderung für Produktionen für Streamingdienste knüpft es daran, dass Produzent und Plattform sich die Rechte teilen.

Fall zwei: Zehn Milliarden Won, und die Rechte bleiben

Im März 2026 kehrte BTS aus dem Militärdienst zurück. Am Gwanghwamun-Platz in Seoul gab die Gruppe ein kostenloses Konzert, das erste gemeinsame seit Oktober 2022. Netflix übertrug es live in mehr als 190 Länder.

Die Konstruktion dahinter ist das Bemerkenswerte. Netflix trug nach Branchenangaben die gesamten Produktionskosten — geschätzt über zehn Milliarden Won, deutlich mehr als die rund sieben Milliarden, die das vergleichbare Konzert in Busan 2022 gekostet hatte. Weder Netflix noch HYBE haben die Zahl bestätigt.

Und dann kam der Teil, der die koreanische Wirtschaftspresse beschäftigt hat: HYBE behielt das geistige Eigentum. Netflix erhielt die weltweiten Senderechte für diesen einen Abend — nicht mehr. Die Rechte an der übrigen Tournee, 82 Konzerte in 34 Städten und 23 Ländern, blieben ohnehin bei HYBE.

Koreanische Medien halten ausdrücklich fest, dass dies vom Üblichen abweicht: Wer bei Netflix eine Produktion finanziert bekommt, gibt in aller Regel die Rechte ab.

Derselbe Konzern, dasselbe Land, vier Jahre Abstand — einmal gehen die Rechte weg, einmal bleiben sie.

Der Unterschied heißt Verhandlungsmacht

Es wäre tröstlich, den Unterschied auf Fairness zurückzuführen, oder auf gelernte Lektionen. Beides trifft nicht zu. Der Unterschied ist Marktmacht, und die lässt sich beziffern.

Squid Game 2021 BTS 2026
Wer zahlteNetflixNetflix
Wem gehört das WerkNetflixHYBE
VerhandlungspositionProduktionsfirma mit einem Projektbörsennotierter Konzern
Marktkapitalisierungrund 9,4 Mrd. $
Eigene Struktur in den USAkeineHYBE America
Zugangüber den Einkaufdirekt zum Netflix-Chef

Die Verhandlungen waren zunächst ins Stocken geraten. Den Durchbruch brachte laut koreanischen Berichten HYBE America, das über sein Netzwerk in den Vereinigten Staaten den direkten Draht zu Ted Sarandos herstellte und die Gespräche wieder in Gang brachte.

Man kann das bewundern oder nüchtern zur Kenntnis nehmen. Für einen europäischen Produzenten ist die Lehre dieselbe: Rechte behält man nicht, weil man sie verdient, sondern weil man verzichten kann. Wer das Projekt braucht, verhandelt schlecht. Wer eine Alternative hat, verhandelt gut.

Was der Abend gebracht hat

Für Netflix ist die Rechnung offenbar aufgegangen, auch ohne die Rechte:

Zuschauer weltweit18,4 Mio.
Länderüber 190
Platz eins in24 Ländern
Vergleich: Tyson gegen Paul, 2024über 108 Mio.

Netflix baut seit einiger Zeit an Live-Übertragungen als eigener Gattung — Boxkämpfe, Kletterereignisse, jetzt Konzerte. Für die Plattform ist ein solcher Abend kein Filmprojekt, sondern ein Abonnentenmagnet mit Datum: Wer dabei sein will, muss an diesem Samstag zahlender Kunde sein.

Für HYBE ist der Ertrag mittelbar, aber größer. Billboard schätzt, dass Album, Tournee, Waren und Lizenzen über zwölf Monate mehr als eine Milliarde Dollar einbringen können. Ein Analyst erwartet für das laufende Jahr einen Konzernumsatz von 4,64 Billionen Won. Die weltweite Übertragung war dabei vor allem eines: Werbung für eine ausverkaufte Tournee, die dem Konzern allein gehört.

Der Teil, der in Korea kritisch gesehen wird

Wer nur die Erfolgszahlen berichtet, lässt die einheimische Debatte weg. Sie ist lesenswert, gerade für Europäer.

Das Konzert war kostenlos und fand im Zentrum Seouls statt. Die öffentliche Hand stellte den Platz, sperrte das Viertel und setzte rund siebentausend Polizeikräfte ein, einschließlich Einheiten mit Drohnenabwehr. Die koreanische Wirtschaftspresse hat daraus eine unbequeme Frage gemacht: Der Staat trägt den Aufwand, die Erlöse fallen bei Netflix und HYBE an.

Dazu kam Streit um die Besucherzahl. Die Behörden hatten mit 260.000 gerechnet, HYBE meldete 104.000, während Stadt, Innenministerium und Polizei auf 48.000, 62.000 und 80.000 kamen. Die HYBE-Aktie fiel am Montag darauf um rund fünfzehn Prozent.

Und ein dritter Einwand, der uns näher angeht als die anderen beiden: Je fester sich Netflix als Ort für solche Ereignisse setzt, desto schwerer haben es kleinere Streamingdienste im eigenen Land. Wer keine Größenvorteile hat, verliert den Anschluss. Das ist ein Satz, den man in Wien genauso sagen könnte.

Was daraus für uns folgt

Drei Dinge, konkret.

Erstens: Die Rechtefrage gehört an den Anfang, nicht ans Ende. Wenn ein Streamingdienst die Herstellung finanziert, ist die Voreinstellung, dass ihm das Werk gehört. Wer das ändern will, muss es zu Beginn ansprechen, nicht wenn der Vertrag schon gedruckt ist.

Zweitens: Teilbare Rechte sind der realistische Weg. HYBE hat nicht alles behalten und Netflix nichts gegeben — es hat die Senderechte für einen Abend abgetreten und den Rest behalten. Für eine europäische Produktion heißt das: Nicht „Rechte ja oder nein“, sondern welche, für wie lange, in welchem Gebiet, in welcher Auswertungsstufe.

Drittens: Öffentliche Förderung ist ein Hebel. Das koreanische Kulturministerium knüpft Fördergeld inzwischen daran, dass Produzenten Rechte behalten. Europäische Förderstellen könnten dasselbe tun — teilweise tun sie es schon. Wer öffentlich gefördert produziert, hat ein Argument in der Hand, das rein privat finanzierte Produktionen nicht haben.

Wer die Herstellung bezahlt, bekommt das Werk. Das ist die Voreinstellung, keine Naturkonstante.

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