Der erste Teil des diesjährigen jüdischen Filmfestivals eröffnete Mitte März im Urania Kino mit einer Dokumentation mit und über Ben Gurion, die auf einem Interview aufbaut, das viele Jahre unentdeckt in einem Archiv lag. Wolfgang Ritzberger war bei der Eröffnung.
Ben Gurion ist eine der zentralen politischen Persönlichkeiten Israels, als Pionier in einer Zeit, in der Israel noch eine ferne Fiktion war und der Wiener Journalist Theodor Herzl seine Ideen des Judenstaates zu dem formte, was dann später Zionismus genannt wurde, und als Politiker des neuen Staates Israel, als dessen erster Ministerpräsident. Die Rolle des aus einem kleinen polnischen Dorf stammenden David Ben Gurion, so sein voller Name, ist ausreichend beleuchtet worden. Die Filmrollen, die Regisseur Yariv Mozer im Archiv fand, galten seit Jahren als verschollen. Darauf zu sehen ein Interview, das Ben Gurion im Jahr 1968 in seinem Haus im Kibuzz Sede Boker in der Wüste Negev, in dem er nach seinem Rückzug aus der Politik lebte und arbeitete, gab. Sechs Stunden lang, sozusagen ein sehr persönliches Dokument, fast schon ein politisches und persönliches Testament dieses weit über Israel hinaus geachteten Staatsmannes. Aber, wie immer gibt es ein „aber“ – von den Tonrollen fehlte jede Spur, und als Stummfilm ist ein Interview offensichtlich nur suboptimal.
Yariv Mozer begab sich also auf die Suche. Auf die Suche nach weiterem Filmmaterial über Ben Gurion und auf die Suche nach den verschollenen Tonrollen. In Großbritannien wurde er fündig, dort lebte, hoch in seinen 80ern, der Set-Tonmeister, der damals am Werk war und den Anruf des Regisseurs mit der Bemerkung „Was heißt, ob ich der Tonmeister von damals sei, ich bin 86 und sollte eigentlich tot sein“ quittierte. Die OriginalTonrollen des Interviews hatte er schon Jahre zuvor einem Archiv in Negev gestiftet. Mozer verdichtet das sechs Stunden lange Interview zu einem intensiven Diskurs über das Denken Ben Gurions, der freimütig bekennt, schon lange kein Zionist oder Sozialist mehr zu sein. Der ebenso freimütig bekennt, dass man als Politiker nie wissen könne, ob man nicht einen Fehler mache. Man tue die Dinge, weil man davon überzeugt sei, das Richtige zu tun. Der 82 Jahre alte Mann versprüht in dem Film eine Energie und Lebensfreude, die einem kaum glauben lässt, dass er erst wenige Monate vor dem Interview seine Frau Paula BenGurion verloren hatte. Die weißen Haare, die lustig links und rechts vom Kopf abstehen, das absolut nicht kameragerechte Lümmeln auf dem Tisch oder im Sessel und das Charisma, das dieser Mann selbst durch die Entfernung von Jahrzehnten und durch die Linse der Kamera auszustrahlen vermag, lässt ahnen, was für eine Persönlichkeit er gewesen sein muss.
Was heißt, ob ich der Tonmeister von damals sei, ich bin 86 und sollte eigentlich tot sein
Auf Anraten seines Arztes, Moshe Feldenkrais, probiert er den Kopfstand als Therapie – der bekennend unsportliche Ben Gurion ist auch sichtlich stolz darauf, den Kopfstand erlernt zu haben und zu beherrschen – und führt ihn dann auch vor der Kamera vor. Man wäre nicht verwundert, würde er das Lichtschwert zücken und sein Israel als letzter Yedi verteidigen, wenn er trocken bemerkt, es sei schon ein seltsames Gefühl gewesen, als Ministerpräsident des neuen Staates Israel gleich zu Beginn von allen Seiten von erklärten Feinden umringt zu sein, die auch unverzüglich zum Angriff blasen würden. Vier Jahre nach dem Interview starb Ben Gurion. Als er in seinem Haus das Interview gab, hatte er sich aus allen politischen Funktionen und dem politischen Leben seiner Heimat zurückgezogen. Der Film war in Israel ein Kinoerfolg und wurde auf mehreren Festivals ausgezeichnet.
Das jüdische Filmfestival findet heuer erstmals in zwei Teilen statt, der erste Teil im März war dem Jubiläum „70 Jahre Israel“ gewidmet, der zweite Teil im Oktober wird sich mit dem Jubiläum „100 Jahre Erste Republik“ beschäftigen.
Zur Eröffnung gelang es Festivalgründer und Intendant Frédéric-Gérard Kaczek nicht nur, die israelische Botschafterin Talya Lador-Fresher für Grußworte zu gewinnen, sondern auch den Historiker und Schriftsteller Doron Rabinovich, den Historiker Benny Morris, der in den USA an der Georgetown Universität in Washington lehrt und als Vater einer neuen Geschichtsschreibung zum Nahostkonflikt gilt, und – Trommelwirbel – den noch recht neuen Kulturminister Gernot Blümel, der trotz Vorstellung des neuen Budgets und eines dichten Parlamentstages (Blümel ist hier als Koalitionskoordinator durchaus heftig eingebunden) zur Eröffnung erschienen war und Grußworte überbrachte. Es war Blümels bis dahin einziger Auftritt als neuer Kulturminister vor Filmschaffenden, was als Verbeugung vor der jüdischen Gemeinde zu verstehen sein dürfte, zu der die ÖVP traditionell ein gutes Verhältnis hat. Was einige Besucher nicht daran hinderte, ihr Missfallen angesichts der neuen Regierung mit lauten, aber doch nur vereinzelten Buhrufen zum Ausdruck zu bringen.
Dorin Rabinovich wandte sich in seiner Ansprache gegen die auch unter Linken grassierende Idee, Israel sei „ein Fremdkörper, der im Nahen Osten wuchert, allenfalls ein Brückenkopf des westlichen Imperialismus“ und gegen entsprechende Boykottaufrufe: „Niemand kam je auf die Idee, alle serbischen, kroatischen, russischen oder iranischen Filmemacher zu boykottieren. Es ist kein Zufall, wenn ein Boykott ausgerechnet wieder das Jüdische treffen soll, wobei der antisemitische Kontext und die historische Kontinuität, zumal in Österreich oder Deutschland, nicht zu leugnen sind.“