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Seniorenclub trifft Musikantenstadl

The „Grand Ole Opry“ ist die älteste Radiosendung der Welt, gilt bis heute als das Hochamt der Countrymusik und wird weltweit gehört. Wolfgang Ritzberger war in Nashville, das seinen Ruf als Welthauptstadt der Countrymusik auch dieser Radiosendung verdankt, live dabei.

Wetten, dass jeder von uns bei der Quizfrage, was der wichtigste Wirtschaftszweig der Stadt Nashville sei, Countrymusik ankreuzen würde. Was dem Grunde nach nicht ganz falsch zu sein scheint, immerhin setzt die Musikindustrie in Nashville laut offizieller Statistik mehr als sechs Milliarden Dollar um. Die wichtigsten Plattenlabels haben hier ihren Sitz, und auch der weltberühmte Gitarrenhersteller Gibson, derzeit unter Chapter 11, also in einem Insolvenzverfahren mit geplanter Umstrukturierung, ist hier zu Hause. Die Antwort ist dennoch falsch, denn die Gesundheitsindustrie, also etwa die Betreiber von Krankenhäusern, geben hier den Ton an. Leiser zwar als die Musiker, was in der Natur der Sache zu liegen scheint, aber wirtschaftlich um vieles gewichtiger: Jahresumsatz knapp 20 Milliarden und rund 100.000 Beschäftigte im Vergleich zu etwa 20.000 Menschen, die von der Musikindustrie leben. Aber davon hört man nur von Taxifahrern oder bei der Tour mit dem Hopon-and-off Bus quer durch die Stadt. Das Bild ist geprägt von Musik und Party den ganzen Tag lang. Von Gesundheitsindustrie bemerkt man „downtown“ eigentlich nichts, Countrymusik Bands sind allgegenwärtig. Das geschieht in einer Dichte, die sonst nur in New Orleans erlebt werden kann, so gut wie aus jedem Wirtshaus tönt Live-Musik, fast jedes Wirtshaus wirbt mit seinem „Schanigarten“ auf dem Dach, was dazu führt, dass sozusagen auf jeder Ebene was los ist (sogar im Keller, wie die aus dem gleichnamigen Film berühmte Coyote Ugly Bar, mit auf dem Tresen tanzenden Kellnerinnen). Und so wie die Franzosen mit dem Baguette unterm Arm durch die Stadt wandern, hat hier jeder Zweite einen Gitarrenkoffer dabei.

Party und Wanderprediger

Auf den Straßen prägen Party Fahrzeuge in allen Varianten den Verkehr, zumindest den öffentlich sichtbaren, auf alles Weitere kann nur geschlossen werden, was aber angesichts der durch Alkohol ziemlich sehr lustig wirkenden Gäste dieser Fahrzeuge, bei denen der Transport als Zweck des Unternehmens eindeutig in den Hintergrund gerät, nicht so schwer ist. Vorausgesetzt sie finden irgendwann einmal zueinander, denn die meisten Traktoranhänger, Pritschenplattformen und LKW Ladeflächen sind nicht koedukativ besetzt. Die Kundschaft derartiger Unterfangen speist sich nicht zuletzt aus den zigtausenden Studenten, die hier auf der Jagd nach einem Degree sind, vor allem an der Vanderbilt Uni, die zu den Elite-Universitäten der USA zählt und an der alleine mehr als 11.000 Studenten eingeschrieben sind. Übrigens, wo Party ist, erzählt uns die Moderatorin der Begrüßungs-Multimediashow im Ryman Theater, gibt es auch das: Schnitt zu einem Gottesdienst (sehr geschickt mit mehreren Projektoren als Schattenspiel gestaltet). Stimmt, auch auf der Straße, inmitten des Trubels und der flächendeckend scheinenden Party stehen locker verteilt Prediger, die versuchen, die vorbeieilenden Menschen aus dem Fegefeuer, in dem sie sich sichtlich befinden, zu befreien. Eine Truppe sah besonders verwegen aus, ein bisserl so, als ob sie mangels Betätigungsfeldes als Straßengang in Harlem hierher übersiedelt sind und ins Fach Wanderprediger gewechselt haben. Komplett mit Bühne, Transparenten und grimmig dreinschauendem Personal.

The Grand Ole Opry

Den Ruf als Mekka der Countrymusik hat hier in Nashville die älteste Radiosendung der Welt begründet, ohne die wir heute Nashville anders sehen würden. „The Grand Ole Opry“ startete 1927, noch unter anderem Namen, mit dem Sender WSM – AM 650 khz, also auf Mittelwelle. Damals, Ende der 20er, noch mit eher bescheidener Reichweite: das bisserl Tennessee rund um Nashville, aber bald schon wurde der Sender verstärkt und vor allem Ende der 30er Jahre übernahm NBC ihr Programm. Damit war „The Grand Ole Opry“ überall in den Staaten zu hören und wurde zu einem Teil der Radiogeschichte der USA (Soundfiles von den Anfängen finden sich etwa in der Bibliothek des Kongresses) und der Country Musik. Heute sendet „America’s Country Music Station“ immer noch auf Mittelwelle und nach wie vor mit einem Sendemast. Das Signal der Sendung wird mittlerweile nicht nur von anderen Stationen übernommen, sondern auch über den eigenen TV-Sender und über alle nur denkbaren Kanäle des Internets übertragen. Die Sendung wird damit weltweit ausgestrahlt, über Zuhörerzahlen hält man sich generell bedeckt. Die diversen Auftritte im Internet weisen mittlerweile in die Hunderttausende gehende „Likes“, „Followers“, etc. auf. Einen großen Teil des Charmes macht aber die Show aus, die hier jeden Freitag und Samstag vor etwa 4500 zahlenden Besuchern über die Bühne geht, so gut wie ausverkauft ist und heute einen nicht unbeträchtlichen Teil der Einnahmen ausmacht.

Mother Church of Country Music

In dem Gebäude, in dem die Show über die Bühne geht, findet sie seit 1974 statt, als das Rymond Theater im Stadtzentrum zu alt und baufällig geworden war und es so ausgesehen hatte, als ob die ehemalige Kirche, die folgerichtig als „Mother Church of Country Music‘“ bezeichnet wurde (und wird), keiner mehr renovieren wollte. Ole Opry war mittlerweile eine eigene Firma geworden, wer hier auftreten wollte – und alle Musiker träumten davon, ja selbst Jimi Hendrix wollte als Bub immer in dieser Sendung auftreten – konnte als Gast kommen oder als Mitglied. Letzteres hieß aber Beiträge zahlen, mehr als die schmalen Honorare ausmachten. Aber mitmachen zahlte sich auf alle Fälle aus, denn wer hier zu Gast war, dessen Plattenumsätze stiegen mehr als merklich an, in jenen Tagen, wo Plattenverkäufe noch das Maß aller Dinge waren. Ein gewisser Elvis Presley war hier 1954 zu Gast, noch im Rymond, als erster Vorbote einer neuen Musik, die bisher hier verpönt war. Jahrzehntelang galt die Regel: keine elektrisch verstärkten Instrumente, kein Schlagzeug, unplugged, ehrliche und fast schon ein bisserl puristische amerikanische Volksmusik, sogar gejodelt wird bis heute. Die Verantwortlichen der Radiosendung beschlossen ein eigenes Theater zu bauen, ein wenig außerhalb von Nashville Downtown, rundherum entstand ein Vergnügungspark, so eine Art Prater, der aber einem „Leasure Time Center“, also einem Mix aus Kino, Vergnügungsbereich (eine unvorstellbar große Spielhalle und eine Bowlingbahn), Einkaufsmöglichkeit und Restaurants, einem Tagungscenter und einem der größten Hotelkomplexe der USA weichen musste. Im Zentrum die Konzerthalle für mehr als 4500 Besucher, „The Grand Ole Opry“. Bis zu 100 Dollar (plus Steuern) werden für die Tickets bezahlt, dafür bekommt man zwei Stunden lang das gute alte Dampfradio live serviert. Mit allem, wofür wir das Radio geliebt haben, lange bevor sich Theoretiker darüber Gedanken machten, wieviel Wortanteil gegenüber wieviel Musikanteil und vor allem welcher Musik zu Lasten der Quote geht.

Nabel der Countrymusikwelt

Zunächst die sonore Stimme, die uns mit leicht singendem Tonfall begrüßt: „Welcome to the grand ole opry, live here from Nashville on WSM-AM Radio, WSM App worldwide and WSM Television and on satellite all over the world, please welcome ….“, gleichzeitig mit den Händen nach Applaus winkend. Übergangslos beginnt die Band zu spielen und eine etwas betagte Dame wird vom Publikum stürmisch begrüßt. Jeannie Seely, die Dame ist resche 78, hat immerhin ein paar Grammies zu Hause stehen und ein guter Teil des Publikums ist mit ihr in die Jahre gekommen ist. Etliche der hier auftretenden Stars – alle 30 Minuten wird die Show unterbrochen und ein neuer Host führt durch die nächste halbe Stunde – kennt man als durchschnittlicher europäischer Musikkonsument eher gar nicht. Was gar nix bedeutet, denn Caitlin Smith etwa, die im dritten Set auftritt, verkauft auf Spotify schlanke zehn Millionen Downloads, auf den anderen Plattformen wird es ähnlich gut laufen und zwei Nummern genügten, um zum Fan zu werden. Downloads sind, danke Internet, überall möglich. Vor ihr trat übrigens ein ebenfalls etwas älterer Herr aus Japan auf, Charlie Nagatani ist Japans bekanntester Countrymusiker, veranstaltet in seiner Heimat ein großes Country-Musik Festival und freute sich einen Haxen aus, dass er im Ole Opry, im Circle, auftreten durfte. Mit diesem Circle hat es auch etwas auf sich, denn er ist sichtlich aus anderem Holz geschnitzt. Wer diesen Circle betritt, betritt die alte Bühne des Rymans, also sozusagen jene Bretter, die für Jahrzehnte den Nabel der Country-MusikWelt bedeuteten. Was auch von jedem Musiker hier betont wird, er stehe auf historischem Boden und das lasse keinen kalt. Auch nicht Devon Dawson, der mit seinen Balladen zeigte, wo Countrymusik mittlerweile auch angekommen ist und, so wie Caitlin Smith, den Altersschnitt beträchtlich zu senken im Stande war.

Werbe-Einschaltung

Dazwischen gestreut sind die alten Jungs aus dem Gewerbe, die Blue Grass Helden Bobby Osborne und Ricky Skaggs, der ebenfalls ein ganzes Regal von Grammys zu Hause stehen hat und als Begründer der modernen Blues Grass Musik gilt, oder Riders in the Sky, eine köstliche Altherrentruppe, die im Cowboy-Outfit nicht nur sich selbst, sondern auch alle anderen auf die Schaufel nehmen und sichtlich immer noch eine Riesengaudi auf der Bühne haben. Ganz nach Dampfradio-Art verlas der Sprecher zwischendurch Werbung, wobei die Gstanzln für „Kentucky Kernel“ sichtlich Kultcharakter haben dürften, weil sie vom Publikum mit Gelächter und Applaus quittiert wurden. Wahrscheinlich auch, weil „Kentucky Kernel“ seit 1810 als Panier für Hendlhaxen dient und ihnen den unvergleichlichen Geschmack des Südens verleiht, man hört quasi den Gesang von den Baumwollfeldern und hört das Rauschen des Mississippi, während jemand verträumt am Banjo eine einsame Melodie zupft. Das Gesicht auf der Packung erinnert nicht zufällig an den Colonel, der mit seinen Hendlhaxen und seinem Spezialrezept einen weltweiten Brand aufgezogen hat. Wie auch immer, ich hab mir im Supermarkt „Kentucky Kernel“ besorgt und mit nach Hause genommen. Und als die Show vorbei war, und sich der Saal mit jenen Gästen füllte, die noch eine Backstagetour gebucht hatten, marschierte ich im Gewühl mit und war auf der Suche nach einem Lokal. Leider sperren hier die meisten Lokale um 22 Uhr zu, lediglich eine Hütte hatte noch offen, das „Bavarian Bierhouse“ und so kam ich im Mekka der Country-Musik zu einer Halben Hofbräuhaus Bier aus Bayern.

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