Freiwillig hätte ich mir „Suits“ vermutlich nie angesehen. Anwälte in teuren Anzügen, die einander in Glasbüros Sätze an den Kopf werfen, sind nicht mein Genre. Dann gab es eine koreanische Fassung, und die Neugier war stärker als die Abneigung.
Ich habe die koreanische zuerst gesehen und erst danach die amerikanische. Das ist die falsche Reihenfolge, sagen Fans. Für mich war es die richtige. Denn so sieht man nicht, was fehlt, sondern was anders ist. Und das ist erstaunlich viel.
Ein Remake ist dieselbe Geschichte in einem anderen Land. Genau deshalb verrät es so viel über das Land.
Die koreanische „Suits“ lief 2018 auf dem Sender KBS2, mit Jang Dong-gun und Park Hyung-sik. Korea war das erste Land, das die amerikanische Serie neu verfilmte, Japan folgte später. Mitproduziert hat NBCUniversal International Television.
Die Grundidee blieb: Ein Staranwalt nimmt einen jungen Mann mit fotografischem Gedächtnis, aber ohne Jusstudium in seine Kanzlei auf, und beide verbergen das Geheimnis. Doch schon im Detail wird es koreanisch. Der amerikanische Mike Ross verdient sein Geld, indem er für andere die Zulassungstests fürs Jusstudium schreibt. Sein koreanisches Gegenstück Go Yeon-woo parkt Autos und merkt sich die Kennzeichen.
Und dann die Länge. Das Original lief neun Staffeln lang, von 2011 bis 2019, und brauchte allein fünf davon, bis das Geheimnis aufflog. Die koreanische Fassung erzählt die ganze Geschichte in sechzehn Folgen. Anfang, Mitte, Ende. Wie sich das gehört.
Noch weiter ging „Money Heist: Korea – Joint Economic Area“, die koreanische Fassung der spanischen Serie „Haus des Geldes“. Die Räuber stürmen hier keine spanische Banknotendruckerei, sondern die Münzanstalt eines Korea kurz vor der Wiedervereinigung, wo die neue gemeinsame Währung gedruckt werden soll. Die Bande stammt aus dem Norden und dem Süden, und auch die Verhandlungsgruppe der Polizei ist gemischt.
Aus einem Raubzug wird so eine Geschichte über die Frage, die Korea seit Jahrzehnten begleitet. Das kann kein spanisches Original liefern. Das muss man selbst mitbringen.
Umgekehrt funktioniert es ebenso gut. „Good Doctor“ lief 2013 auf KBS2 und erzählt von einem jungen Chirurgen mit Autismus und Inselbegabung. Der koreanisch-amerikanische Schauspieler Daniel Dae Kim entdeckte die Serie, noch während er für „Hawaii Five-0“ vor der Kamera stand, und kaufte mit seiner Firma 3AD die Rechte.
Der erste amerikanische Sender, CBS, lehnte eine Pilotfolge ab. Kim kaufte die Rechte zurück, holte gemeinsam mit Sony Pictures Television David Shore dazu, den Erfinder von „Dr. House“, und landete bei ABC. Aus 20 koreanischen Folgen wurden sieben amerikanische Staffeln mit 126 Folgen, von 2017 bis 2024.
Kim beschrieb die Filmbranche einmal mit den Lachsen, die flussaufwärts schwimmen: Tausende starten, nur wenige kommen an. Er ist angekommen. Die Lachse, die es nicht schaffen, schreiben keine Interviews.
Und dann gibt es ein koreanisches Format, das jede Österreicherin und jeder Österreicher kennt, ohne es zu wissen: „The Masked Singer“. Entwickelt hat es Park Won-woo, das Original „King of Mask Singer“ startete 2015 beim Sender MBC. Puls 4 brachte 2020 und 2021 zwei Staffeln „The Masked Singer Austria“, mit Kostümen wie dem Lipizzaner, der Geistergräfin und dem Germknödel.
Ein koreanisches Format, ein Lipizzaner, ein Germknödel. Kulturtransfer war selten so flauschig.
Für uns als Produktionsfirma ist ein Detail interessanter als jedes Kostüm: Die österreichische Ausgabe wurde in Köln produziert. Ein eigenes Set in Wien, schrieb damals die „Tiroler Tageszeitung“, hätte wohl die Kosten gesprengt.
| Titel | Original | Remake | Umfang Original | Umfang Remake |
|---|---|---|---|---|
| Suits | USA (2011) | Korea (2018) | 9 Staffeln | 16 Folgen |
| Haus des Geldes | Spanien (2017) | Korea (2022) | 41 Folgen | 12 Folgen |
| Good Doctor | Korea (2013) | USA (2017) | 20 Folgen | 7 Staffeln, 126 Folgen |
| King of Mask Singer | Korea (2015) | Österreich (2020) | seit 2015 | 2 Staffeln |
Hinter solchen Wanderungen stehen selten Zufälle, sondern Menschen und Firmen. Ein Name taucht dabei zweimal auf: EnterMedia. Die Firma ist sowohl bei der koreanischen „Suits“ als auch bei der amerikanischen „The Good Doctor“ als Produktionsfirma genannt, und die ausführenden Produzenten David Kim und Sebastian Lee stehen in beiden Abspännen. Dieselben Leute haben also eine Serie nach Korea und eine andere aus Korea hinaus begleitet.
Und noch ein Faden: Daniel Dae Kim, der „Good Doctor“ nach Amerika brachte, und Kim Yunjin, die in „Money Heist: Korea“ die Verhandlungsführerin spielt, kennt man beide aus „Lost“. Die Welt der Remakes ist eine Insel. Man trifft sich immer wieder.
Man kann ein Remake als Kopie abtun. Ich sehe darin eher einen Spiegel. Was eine Kultur beim Übertragen ändert, zeigt, was ihr wichtig ist und was sie ihrem Publikum nicht zumuten will.
Die Länge. Amerikanische Serien laufen, solange sie laufen. Koreanische erzählen meist eine abgeschlossene Geschichte.
Die Details. Ob der Held Prüfungen fälscht oder Autos parkt, ist kein Zufall. Es verschiebt, wie viel Schuld eine Figur tragen darf, bevor das Publikum sie nicht mehr mag.
Die großen Fragen. „Money Heist: Korea“ nimmt einen spanischen Stoff und macht daraus eine Geschichte über Teilung und Wiedervereinigung. Das Original liefert das Gerüst. Den Inhalt liefert das Land.
Nicht jede Geschichte reist. Ein Remake funktioniert, wenn der Kern der Figur überall verstanden wird: ein Außenseiter mit einer besonderen Begabung, ein Hochstapler in einer Welt voller Hochstapler. Es wird schwierig, wenn die Geschichte an einer Eigenheit des Herkunftslandes hängt, die sich nicht übersetzen lässt – einem Gesetz, einer Geschichte, einem Tabu.
Dann bleibt vom Original nur der Titel. Und für einen Titel allein kauft man keine Rechte.
Wer mehr über die koreanischen Originale wissen will, findet „Good Doctor“ und andere Serien mit ihren Remakes in unserer Liste 20 K-Dramen, die Sie nicht verpassen sollten.