Über den Schwerpunkt Gruppendynamik für angehende Produzentinnen und Produzenten und Regisseurinnen und Regisseure sprach Katja Dor mit Wolfgang Ritzberger.
Einem Vorschlag von Katja Dor entsprechend, Gruppendynamik in den erweiterten Lehrplan und das Angebot solcher Seminare im Rahmen der Ausbildung zur Produzentin bzw. zum Produzenten und später auch in der Ausbildung zur Regisseurin bzw. zum Regisseur aufzunehmen, wurde 2017 erstmals an der Filmakademie Wien ein Gruppendynamikseminar angeboten.
Wenn ich in deinem Beitrag von gemeinsamen Zielen lese, dann fällt mir sofort der Klassiker eines Konfliktes beim Drehen ein: Wer hat das beste Bild, wer den besten Ton! Also um es zu simplifizieren, der Boomer möchte sein Mikro so weit wie möglich hineinhängen, der Kameramann will sein Bild frei haben – ist es so simpel?
Im Grunde genommen ja. Es ist auch verständlich, wenn jedes Gewerk für sich die besten Voraussetzungen schaffen möchte, um die beste Leistung erreichen zu können. Wenn man aber begreift, dass alle am Set das gemeinsame Ziel haben, einen guten Film zu machen, und dass dies nur dann möglich wird, wenn für alle bestmögliche Bedingungen für ihre Arbeit ermöglicht werden – dann wird klar, dass man sich mit den anderen arrangieren muss.
Nachgefragt, was müsste man beiden sagen, damit sie beide ein gleiches Ziel verfolgen.
Wenn man beim Beispiel Kamera und Ton bleiben will, muss man sich in Erinnerung rufen, dass die Filmkunst in einer Zeit entstanden ist, in der es im Kino noch keinen Ton gab. Der Ton hat sich im Laufe der Filmgeschichte sozusagen am Filmset „dazu gedrängt“. Eine quasi historisch bedingte Rivalität, die dann gefährlich für die Dreharbeiten wird, wenn die Argumentation und Kompromissbereitschaft nicht mehr sachlich begründet, sondern zum Machtspiel der agierenden Personen wird. Das trifft auf alle Gewerke zu. Solange es um die Sache, um die bestmögliche Verwirklichung des gemeinsamen Ziels geht, können Konflikte zu konstruktiven Lösungen führen. Wenn es in Konflikten jedoch um persönliche Befindlichkeiten und Eitelkeiten geht, hat das destruktive Auswirkungen auf das ganze Team.
Ist das personenspezifisch? Ich habe vor mehr als 30 Jahren als AC für britische DoPs gearbeitet, die sich nach dem Setzen des Lichtes an den Boomer oder den Tonmeister gewandt und genau erklärt haben, wo das Mikro keinen Schatten werfen wird?
Es hängt alles natürlich auch sehr stark von den jeweiligen Akteurinnen und Akteuren und ihrer Persönlichkeit ab. Daher ist es sehr wichtig, bei der Zusammensetzung der Teams darauf Rücksicht zu nehmen.
Wenn ich das richtig verstanden habe, was ich über Gruppendynamik gehört habe, dann sind es Faktoren wie eine gruppenkodifizierte Sprache, gemeinsame Werte, zum Teil auch Gruppendruck oder gemeinsame Emotionen, die eine Gruppe verstärken können.

Innerhalb einer Gruppe entstehen einerseits Abhängigkeiten – andererseits wird das gemeinsame Ziel oft von jedem Teammitglied unterschiedlich verstanden und interpretiert. Entscheidend in gruppendynamischen Prozessen ist, dass man lernt, ein Bewusstsein und ein Verständnis für die Emotionen anderer aufzubringen und gewinnbringend für die ganze Gruppe einzusetzen. Schaffen es die Teammitglieder, aufkommende Konflikte ernsthaft zu bearbeiten, so entsteht daraus eine wichtige emotionale Stabilität. Eine wesentliche Rolle spielt eine qualifizierte Teamleitung, die je nach Situation unterschiedliche Rollen einnimmt.
Einfach ausgedrückt bedeutet das, wenn ein Autofahrer einen Roadblocker nicht nur ignoriert, sondern auch noch beschimpft und mit röhrendem Auspuff ins Motiv-HV fährt, wird er das ganze Team gegen sich haben.
Eingeschworene Gruppen halten sehr zusammen. Aber, das erwähnte Beispiel passiert auf diese Weise sehr selten, denke ich.
Na ja, ist uns genauso im Mai bei Dreharbeiten in Wien passiert. Jetzt könnte ich einen bösen Scherz treiben. Aber sich einen gemeinsamen Feind zu bestellen, wird dennoch keine brauchbare Vorgehensweise sein?
Wir werden von den Förderinstitutionen zur Sparsamkeit angehalten. (lacht)
Im Seminar auf der Filmakademie handelt es sich ja eher um einen Probebetrieb. In welchen Bereichen mangelt es aus deiner eigenen Erfahrung als Produzentin meistens an diesem gemeinsamen Bewusstsein?
Wie schon erwähnt, dort wo es um persönliche Vorteile, Kränkungen, Eitelkeiten und so weiter geht und diese Befindlichkeiten dem gemeinsamen Ziel vorangestellt werden.

Du schreibst auch von Hierarchien und Entscheidungsstrukturen am Set – ganz naiv, die sollten einem doch recht klar sein: Head of Departments, an der Spitze der Nahrungskette der Regisseur und der Produzent? Klingt doch logisch, oder?
Wenn man Hierarchien so versteht, dass im gemeinsamen Schaffensprozess alle ihre klar definierte Aufgaben haben und darauf vertrauen können, dass sie jeweils von den anderen wissen, was sie tun und vice versa das gleiche Vertrauen entgegenbringen – dann ist gegen Hierarchien nichts einzuwenden. Vorausgesetzt, Autorität wird nicht nur behauptet, sondern durch Kompetenz begründet.
Wenn ich es richtig verstehe, dann spielt der Faktor Mensch eine große Rolle? Ohne die Veranstaltung an der Filmakademie in Frage stellen zu wollen, ist es nicht so, dass auf jedem Set durch die immer neue Zusammensetzung der Teams völlig andere Voraussetzungen gegeben sind? Anders gefragt, gibt es nicht immer mehrere Lösungen für ein Problem? Was ist richtig, was falsch?
Richtig ist, wenn man – auch konfliktreich – um die beste Lösung für das gemeinsam Ziel ringt.
Falsch, wenn es nur um persönliche Interessen geht. Wenn man also einer der Konfliktparteien klar macht, dass es ihr nicht um die Sache (das gemeinsame Ziel), sondern um persönliche Interessen geht, dann ist schon viel erreicht. Vorausgesetzt, es gibt die Einsicht bei den Betroffenen. Das große Problem ist, dass am Filmset enormer Zeitdruck besteht, sodass bedrohliche Konflikte sehr schnell bereinigt werden müssen. Zu dem Zeitpunkt,
wenn sie offen ausgetragen werden, ist es meist zu spät, um in einen ernsthaften Konfliktlösungsprozess einzutreten – man muss sehr schnell intervenieren. Daher ist es so wichtig, schon in der Ausbildung zu lernen, Konflikte rechtzeitig zu erkennen und Methoden zu erlernen, wie man eingreifen kann, bevor sie eskalieren. Und zu lernen, wie man von der Produktionsseite rechtzeitig Konfliktpotenziale ausräumen kann.