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Kärntner Wurzeln

Das Villacher K3 Film Festival, das letztes Jahr in die Adventzeit verlegt wurde, findet heuer vom 12. bis 16. Dezember statt. Intendant Fritz Hock hat eine kleine und feine Auswahl an Spielfilmen und Dokumentationen mit Wurzeln im Dreiländereck, durchaus sehr „kärntnerisch“, ausgewählt, ergänzt um Branchentreffs und den „Writers Room“ von Paul Harather. Ein Bericht von Wolfgang Ritzberger.

Heuer fällt es schwer, sich einen Lieblingsfilm auszusuchen, denn das Spektrum ist weit aufgespannt, man sollte nicht glauben, bis wohin Kärnten reichen kann. Der Vorarlberger Reinhold Bilgeri machte die Kärntner Skiweltmeisterin Erika Schinegger zum Thema seines zweiten Spielfilmes „Erik und Erika“. Erika Schinegger, die aus einer kleinen Kärntner Bauernfamilie kommt, wurde als Skiweltmeisterin gefeiert, bis sich kurz vor den olympischen Spielen herausstellte, dass das bis dahin als Erika aufgewachsene Dirndl medizinisch betrachtet ein Erik ist. Der Film zeigt, wie man in den 70er Jahren damit umgegangen ist. Nicht viel anders als heute, könnte man angesichts der MeToo-Vorwürfe an Ex-Trainer und Funktionäre vermuten: leugnen, vertuschen und unter den Teppich kehren. Was das mit den Betroffenen macht, schien völlig wurscht zu sein – Kindeswohl hatte damals wohl eine andere Bedeutung. Gott sei Dank nicht allen, denn trotz massiver Wiederstände durfte sich dann Erika selbst entscheiden – auch das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Bilgeri zeigt in dem Film, dass die Funktionäre des ÖSV und lokale Politiker wollten, dass sich Schinegger zur „Frau“ umoperieren lässt. Aber es kam anders, und Erik Schinegger wurde zwar nach seinem Coming-out als Mann aus dem Skiverband hinaus gemobbt und konnte an die Erfolge „als Frau“ nicht mehr anschließen, ist aber heute Besitzer einer der größten Skischulen in Kärnten und glücklicher Familienvater. Bis heute hält sich übrigens das Gerücht, dass er als Erika beim gemeinsamen Training den Männern um die Ohren gefahren sein soll. Regisseur Reinhold Bilgeri, den wir ja noch als Vertreter des Austro-Pop in bleibender Erinnerung haben, und Erik Schinegger kommen am 15. Dezember zur Vorführung des Filmes (11 Uhr, Stadtkino Villach, Rathausplatz 1). Ebenfalls einen Kärntner Bezug hat der Film „Yomeddine“, der in Villach seine Österreichpremiere feiern wird. Der Film war heuer im Wettbewerb in Cannes zu sehen und galt kurze Zeit als Favorit für einen der begehrten „Palmwedel“, ging dann aber letztlich leer aus. Er erzählt die Geschichte eines eigentlich schon geheilten Leprakranken, der aber immer noch in der Leprakolonie wohnt. Zusammen mit einem Waisenkind macht er sich dann auf die Suche nach der eigenen Vergangenheit, und beide finden letztendlich ihr Glück. Der Film sorgte in Cannes für Aufmerksamkeit, auch weil es der Debütfilm des Regisseurs A. B. Shawky ist, den er als Diplomfilm für sein Studium an der New York University, wo er Student der Meisterklasse von Spike Lee war, schrieb und in Szene setzte. Der Film hatte ein Budget von knapp 600.000 Dollar und hat sich, so einer der Produzenten, der US-amerikanische Independent-Producer Gill Holland, schon am Marché in Cannes gut verkauft. Wo bleibt Kärnten? Regisseur A. B. Shawkys Vater ist zwar Ägypter, aber seine Mutter kommt aus Kärnten. Er hat einen Teil seiner Kindheit und Jugend in Kärnten gelebt und spricht, so Fritz Hock, einen unverwechselbaren Kärntner Dialekt. Wovon sich die Festivalbesucher überzeugen können, Shawky kommt ebenfalls nach Villach und steht nach dem Film für ein Publikumsgespräch zur Verfügung und wahrscheinlich auch mehr, denn Villach bietet genug Zeit und Gelegenheit, um auch abseits der offiziellen Veranstaltungen Gespräche zu führen. Das Café am Rathausplatz und die Punschstände am Villacher Adventmarkt bieten dafür jede Menge Möglichkeiten.

Wer schon früher anreisen kann, sieht am Eröffnungstag, am 12. Dezember um 19 Uhr, ebenfalls eine Österreich-Premiere: „History of Love“ von Sonja Prosenc. Die slowenische Produktion, mit italienischer und norwegischer Beteiligung arbeitet die Beziehungen in einer Familie auf. Die Protagonistin versucht den Unfalltod ihrer Mutter, von Beruf Opernsängerin, zu verarbeiten. Sie entdeckt schließlich, dass ihre Mutter ein Verhältnis mit einem Dirigenten gehabt haben soll. Der Film ist eine Odyssee zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Trauer und Zorn sowie Rache und Reue, beschreibt der norwegische Koproduzent, Invictus Films, den Film. Prosenc ist schon 2014 mit ihrem Debütfilm „The Tree” aufgefallen, der neben einigen Preisen auch Sloweniens Nominierung für den Auslands-Oscar 2016 war. Die Regisseurin und der Produzent kommen nach Villach.

Am Donnerstagnachmittag findet das Kärntner-Branchentreffen statt, bei dem Paul Harather ein Impulsreferat zum Thema „Writers Room“ halten wird. Harather ist dem geneigten Kinopublikum spätestens seit „Indien“ bekannt, der grenzgenialen schwarzen Komödie von und mit Josef Hader und Alfred Dorfer, bei der er Regie führte und mit Hader das Drehbuch schrieb. Harather lebte einige Jahre in Los Angeles, er war ja in den USA aufgewachsen und hatte dort die High-School abgeschlossen, bevor er nach Wien kam und an der Filmakademie studierte, und pendelt heute zwischen Wien und München. Fürs deutsche Fernsehen hat er die Serie „Die Schlawiner“ entwickelt, in Österreich war er an der Entwicklung der „CopStories“ beteiligt. Seit einiger Zeit beschäftigt er sich mit dem Thema „Writers Room“, dabei geht man ja von der These aus, dass die Zeit der einsam gegen das leere Blatt Papier kämpfenden Autoren vorbei ist oder vorbei sein sollte. Mehr dazu von ihm persönlich am Donnerstag, den 13. Dezember, um 15.30 Uhr im Parkcafé in Villach beim Kärntner Branchentreff.

Weltpremiere feiert der Kärntner Spielfilm „Traman“ von David Hofer. Hofer hatte vor zwei Jahren seinen Debütfilm „Valossn“ in Villach am Start und war bis dahin vor allem als Cutter des Kinoerfolges „Streif – one Hell of a ride“ aufgefallen. In „Traman“ zeigt er den Alltag von „Rob Fusion“, Hochglanz für die Internetgemeinde und ein total aus den Fugen geratenes Leben für Robert Fuschnig, der sich im Selfie-Wahn verliert. Im Katalog zum Festival schreibt Christine Trapp: „In seinem zweiten Langfilm gelingt es David Hofer und seinem Team, sich künstlerisch von ihren Vorbildern zu emanzipieren und so etwas wie einen ‚neuen’ Rainer Werner Fassbinder-Film zu schaffen. Ein schöner, ein nachdenklicher, ein sehenswerter Film.“

Drei weitere Österreichpremieren sind auf dem Festival zu sehen: Alberto Fasulos „Menochio“ , der im 16. Jahrhundert spielt und einen gleichnamigen Müller ins Zentrum stellt, der sich gegen die immer strenger werdenden Lehren der katholischen Kirche stellt und wegen Ketzerei angeklagt wird. In Matjaž Ivanišin Dokumentarfilm „Playing Man“ dreht es sich um den vermeintlichen Ernst von Männerspielen. Und Hubert Sielecki bringt sein neuestes Werk „Frauenzimmer“ am 16. Dezember in seine Geburtsstadt.

In den mit insgesamt 2.300 Euro dotierten Kurzfilmwettbewerb wurden 16 Kurzfilme aufgenommen, die in Blöcken am Donnerstagund Freitagabend gezeigt werden. Darunter Josef Dabernigs „Gertrud & Tiederich“,„TNT Boxer Story“, der Abschlussfilm von Mark Gerstorfer an der Filmakademie Wien, oder das Kurzfilmdebüt von Sabrina Reiter als Regisseurin von „Unsere Zeit wird kommen“.

Die Masterclass am Freitagvormittag gestaltet der im Kärntner Feldkirchen geborene Regisseur und Produzent Christian Krönes, der Einblicke in den Entstehungsprozess von „Welcome to Sodom“ gewährt. Der brisante Dokumentarfilm porträtiert die Verlierer der digitalen Revolution und lässt die Zuschauer hinter die Kulissen der weltweit größten Elektroschrottmüllhalde blicken, die sich in Agbogbloshie in Ghana, befindet.

Und rundherum und dazwischen jede Menge Gelegenheit, um sich mit den anderen Festivalteilnehmern auszutauschen und Filmschaffende kennenzulernen. Der eigentliche Zweck bleibt ja gleich, die Regionen Friaul, Slowenien und Kärnten als eine kulturell auch in Sachen Film miteinander sehr eng verbundene Region zu begreifen. Ein kleiner Geheimtipp: Fritz Hock versucht zwar immer, die Veranstaltungen und Treffpunkte auf mehrere Gastronomiebetriebe zu verteilen, der Geheimtipp der letzten Jahre war aber das Café „Herr Vincent“, wo sich die Festivalgäste mehrheitlich nach „Dienstschluss“ getroffen haben. Vor zwei Jahren packte „Herr Vincent“ des nächtens ein echtes Didgeridoo aus und zeigte uns, wie man dem Ding Töne entlockt, er, und nur er, konnte so richtig darauf spielen. Beim „Herrn Vincent“ wurden letztes Jahr auch die Preise für den besten Kurzfilm feierlich von Bady Minck überreicht. Womit sich der Kreis schließt, Intendant Fritz Hock war früher im Team der Avantgarde-Filmerin, bevor er wieder nach Kärnten zurückging und neben der Art-House oder Programm-Kinoschiene im Villacher Stadtkino das K3 Festival gründete.

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