Warum schreibt eine Filmproduktion über Popmusik? Weil man von den Besten lernt. In der Branche nennt man das Inspiration.
K-Pop ist das deutlichste Beispiel dafür, wie koreanische Inhalte das Reisen gelernt haben. Die Fragen, die sich jede Produzentin bei einer Serie stellt – wer ist das Publikum, in welcher Sprache, über welche Kanäle –, hat die koreanische Popmusik früh beantwortet. Und das jüngste Kapitel der Geschichte spielte auf einer Streamingplattform.
Lange war PSY der Rekordhalter unter den koreanischen Künstlern in den amerikanischen Single-Charts. „Gangnam Style“ ging 2012 um die Welt und erreichte Platz zwei der Billboard Hot 100. Die einzige asiatische Nummer eins davor stammte aus dem Jahr 1963: „Sukiyaki“ des Japaners Kyu Sakamoto.
BTS stiegen Stufe um Stufe auf. „Fake Love“ erreichte 2018 Platz zehn, „Boy With Luv“ mit der Amerikanerin Halsey 2019 Platz acht, „ON“ stieg Anfang 2020 auf Platz vier ein. Dann, in der Chartwoche vom 5. September 2020, landete „Dynamite“ auf Platz eins. BTS waren die erste rein südkoreanische Gruppe an der Spitze der Hot 100.
Siebenundfünfzig Jahre nach „Sukiyaki“. Die Hitparade ist, wie man sieht, kein Schnellzug.
Zwei Details sind für alle wichtig, die für einen internationalen Markt produzieren. „Dynamite“ war die erste Single der Gruppe, die ganz auf Englisch gesungen wurde. Und der damalige Präsident Moon Jae-in wies darauf hin, dass der Song geschrieben worden war, um Menschen in der Pandemie Mut zu machen. Der Durchbruch kam mit einer anderen Sprache und einer Botschaft, die zur Zeit passte. Die Identität blieb dieselbe.
Die Single-Charts waren die letzte Tür, die aufging. Als „Dynamite“ kam, hatten BTS seit Mai 2018 schon viermal die Billboard 200 angeführt, die Albumcharts, beginnend mit „Love Yourself: Tear“. 2017 traten sie als erste K-Pop-Boygroup bei den American Music Awards auf. Bei den Billboard Music Awards 2019 gewannen sie beide Kategorien, in denen sie nominiert waren, und sangen „Boy With Luv“ gemeinsam mit Halsey.
Die Reihenfolge ist lehrreich: Ein treues Publikum kauft ganze Alben, lange bevor Radio und Streaming aus einem Lied einen allgemeinen Hit machen. Erst kam die Bindung, dann die Reichweite.
Die Fangemeinde von BTS nennt sich ARMY. Das ist keine Übertreibung, das ist eine Truppenstärke. Und diese Truppe streamt nicht nur.
Im November 2017 starteten BTS und ihr Label gemeinsam mit dem koreanischen UNICEF-Komitee die Kampagne „Love Myself“, zur Unterstützung des UNICEF-Programms #ENDviolence gegen Gewalt an Kindern und Jugendlichen. Bis 2021 kamen laut einer gemeinsamen Mitteilung von BTS, ihrem Label BIGHIT MUSIC und UNICEF 3,6 Millionen US-Dollar zusammen.
Die Fans waren nicht das Ziel der Kampagne. Sie waren ihr Motor.
Am 24. September 2018 sprachen BTS vor der UNO-Generalversammlung in New York, beim Start der UNICEF-Partnerschaft „Generation Unlimited“, die jungen Menschen den Weg in Ausbildung und Arbeit ebnen soll. Bandleader RM erzählte, die Gruppe habe gelernt, sich selbst zu lieben, und rief die Zuhörer auf: „Speak yourself.“
Man kann das als geschicktes Marketing lesen. Nützlicher ist es, darin Beständigkeit zu sehen: Die Alben hießen „Love Yourself“, die Kampagne „Love Myself“, und die Rede trug dieselbe Idee auf die größte Bühne, die es gibt. Zwischen Konzert, Wohltätigkeit und UNO änderte sich die Botschaft nicht.
Vor ihrem Militärdienst brachten BTS Südkorea laut dem Korea Culture and Tourism Institute jährlich mehr als 5,5 Billionen Won ein, rund 0,2 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes. Wenige Kulturexporte lassen sich überhaupt in einer solchen Zahl ausdrücken.
Regisseur Bong Joon-ho sagte es 2020 bei den Golden Globes auf seine Art: Er stehe zwar gerade bei den Golden Globes, aber BTS hätten dreitausendmal so viel Macht und Einfluss wie er. BTS wiederum verweisen in ihrem Song „Spring Day“ auf Bongs Film „Snowpiercer“. Mehr über Bong steht in Bong Joon-ho: Okja, Snowpiercer, Mickey 17 und das Rätsel Parasite.
Im Juni 2022 legten BTS eine Pause ein. Die Armee hatte ihre Band nicht verloren, die Band musste nur selbst einrücken: Alle Mitglieder leisteten den verpflichtenden Militärdienst Südkoreas. Im Oktober 2022, kurz davor, spielten sie in Busan ein Gratiskonzert zur Unterstützung der Bewerbung der Stadt um die Weltausstellung 2030; ihre Managementfirma HYBE nannte mehr als 50 Millionen Zuschauer. Im Juni 2025 hatten alle Mitglieder ihren Dienst abgeschlossen.
Die Rückkehr wurde als Ereignis inszeniert. Das Album „Arirang“, benannt nach dem koreanischen Volkslied über Sehnsucht und Trennung, erschien am 20. März 2026. Am Tag darauf standen BTS erstmals seit dem Militärdienst gemeinsam auf der Bühne, am Gwanghwamun-Platz im Herzen Seouls – live und exklusiv auf Netflix, in mehr als 190 Ländern. Am 27. März folgte die Dokumentation „BTS: The Return“, im April begann eine Welttournee; HYBE kündigte 79 Konzerte in 34 Städten an.
Selbst die Besucherzahl ist eine Lektion im Zahlenlesen: HYBE meldete rund 104.000 Menschen auf dem Platz, lokale Berichte schätzten etwa 40.000. Beide Zahlen erschienen am selben Tag.
Wie viele es waren, hängt, wie man in Wien sagt, davon ab, wer zählt.
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Das Publikum ist vom ersten Tag an international. Nicht erst, wenn der Erfolg zu Hause gesichert ist.
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