Als Österreich mit Hollywood noch mithalten konnte. Ein Graf aus Böhmen, Rennfahrer und Bonvivant, baut im gerade zerfallenen Kaiserreich eine Filmindustrie auf, die es mit Amerika aufnehmen soll — und setzt dafür sein Vermögen, seine Gesundheit und beinahe seine Belegschaft aufs Spiel.
Ein Morgen im Oktober 1921, Laaer Berg am Rand von Wien. Seit dem Sommer wird hier Sodom und Gomorrha gedreht, der größte Film, den das Land je gesehen hat. Als Sascha Kolowrat mit seinem Regisseur und den Kameraleuten aus den Limousinen steigt, liegen die riesigen Kulissen aus Holz und Pappe flach. Ein Sturm hat sie in einer Nacht abgeräumt. Der Nachtwächter kommt herüber und sagt: „Wusch, war das ein Wind.“ Einen Moment lang herrscht Stille. Dann fängt Kolowrat an zu lachen.
Vier Jahre früher, Ende Oktober 1917. Am Isonzo kurbeln die Operateure des k. u. k. Kriegspressequartiers auf zerbombte Stellungen, tote Pferde, sich zurückziehende Verwundete. Wenige Tage später wird Oberleutnant Kolowrat in Wien mitgeteilt, seine Wochenschauen genügten den Anforderungen nicht mehr, nicht einmal denen der Deutschen; man entziehe ihm die Leitung der Kriegsfilmpropaganda. Er solle sich auf das konzentrieren, was er wirklich könne. Spielfilme drehen.
Er tut genau das. Aus New York, wo ihn 1919 die Nachricht vom Tod seines Bruders erreicht, bringt er zwei Dinge mit: einen Radioapparat, den in Wien niemand kennt, und die Überzeugung, dass Monumentalfilme die Zukunft sind. Griffiths Intolerance hat er gesehen. So etwas will er, koste es, was es wolle.
Der Regisseur, den er dafür holt, heißt Mihály Kertész. Er ist begabt, rücksichtslos und untreu, seine Ehe mit der Hauptdarstellerin Lucy Doraine zerbricht während der Dreharbeiten. Den männlichen Hauptdarsteller findet er zufällig im Kaffeehaus: einen jungen Bankangestellten namens Walter Slezak, dessen Vater tobt, als er davon hört. Ein Komparse stürzt vom Gerüst, weil Kertész ihm zeigen will, wie man Angst spielt. Ein Sprengmeister mit fünf Fingern an zwei Händen legt die Stadt in Schutt und Asche — und mehr als das.
Der Film wird ein Triumph und geht um die Welt. Zur gleichen Zeit schließen die ersten österreichischen Produktionsfirmen für immer. Kolowrat heiratet eine Prinzessin, sucht in London nach Geld, hört in Wien, dass man ihm nicht mehr traut, und setzt mit der Sklavenkönigin noch einmal alles auf eine Karte, während Hollywood am selben Stoff arbeitet.
1927, Büro in der Neubaugasse. Er ist dünn geworden, seine Haut hat eine ungesunde Farbe. Am Set von Café Elektric, wo eine junge Schauspielerin namens Marlene Dietrich vor der Kamera steht, bricht er zusammen. Im Sanatorium bringt ihm sein Sekretär eine Zeitung: Kertész dreht wieder einen Film in Hollywood. Kolowrat lächelt und schüttelt leicht den Kopf.
Alexander Joseph Graf Kolowrat-Krakowsky, geboren 1886 in New Jersey, gestorben 1927 in Wien im Alter von einundvierzig Jahren, hat die österreichische Filmindustrie begründet. Seine Sascha-Film war die größte Produktionsgesellschaft des Landes.
Sodom und Gomorrha von 1922 ist bis heute die größte und teuerste Filmproduktion der österreichischen Filmgeschichte. Regie führte Mihály Kertész, der zwanzig Jahre später in Hollywood unter dem Namen Michael Curtiz Casablanca drehen sollte. Unter den Komparsen sollen sich Willi Forst, Hans Thimig, Paula Wessely und Béla Balázs befunden haben. Kolowrat war es auch, der Marlene Dietrich für den Film entdeckte.
Als er starb, war er einundvierzig. Was er aufgebaut hatte, überlebte ihn um elf Jahre.