Ein Holzknecht, der kaum lesen und schreiben kann, lässt einen Tunnel durch einen Bergsattel sprengen, um Holz über die Wasserscheide zu schwemmen — und wird zum wichtigsten Brennholzlieferanten Wiens. Den Raxkönig hat es wirklich gegeben. Nach dem Roman von Ottokar Janetschek.
Ende des achtzehnten Jahrhunderts fehlt Wien das Brennholz. Die Wälder in Reichweite sind geschlägert, die Straßen schlecht, und was noch steht, steht in Tälern, aus denen es niemand herausbringt. Im Höllental zwischen Hirschwang und dem Nasswald wächst Urwald.
Zwei Brüdern eilt der Ruf voraus, Unmögliches möglich zu machen: Johann und Georg Hubmer. Sie holen sich eine eingeschworene Truppe protestantischer Holzknechte aus Mitterbach bei Mariazell, machen den Urwald urbar und bringen das Holz auf dem Wasser ins Tal. Zurück bleiben Frauen, Kinder und ein Lehrer, der verhindern soll, dass die Kinder katholisch getauft und eingemeindet werden.
Es ist eine harte und überhaupt nicht romantische Geschichte. Männer verunglücken bei der Arbeit tödlich, und die Behörden entdecken dabei, dass der Tote kein Katholik war. Der Gewerkmeister von Hirschwang verweigert die Abrechnung, und ein Streit um Geld endet mit einem Degen in der Seite. Was in der Wildnis entsteht, ist am Ende mehr als ein Gewerbe: eine protestantische Siedlung mitten in einem katholischen Land, die erst bestehen kann, als der Kaiser selbst seine Hand darüber hält.
Und dann ist da der Mann, der nicht richtig schreiben kann und trotzdem den damals längsten Tunnel Österreichs durch den Sattel des Gscheidl sprengen lässt. Von Wiener Neustadt aus zieht der Kanal das Holz weiter nach Wien.
Der Stoff ist als achtteilige Serie angelegt, die Folgenskizzen liegen vor.
Georg Hubmer, damals Huebmer geschrieben, wurde am 11. April 1755 in Gosau am Dachstein geboren, als eines von fünf Kindern einer geheimprotestantischen Familie. Mit siebzehn verließ er ohne Schulabschluss mit seinem älteren Bruder Johann den Ort und arbeitete als Holzknecht im Waldviertel, am Ötscher und auf der Herrenalpe bei Lunz am See. Er starb am 20. März 1833 in Naßwald.
1784 erhielten die Brüder als Bestbieter den Auftrag zur Kohlholzbringung aus den Wäldern der Grafen Hoyos um Rax, Schneeberg und Naßtal — Heizmaterial für das Eisenwerk in Hirschwang. Sie siedelten sich mit weiteren Holzarbeitern und deren Familien aus Gosau, Goisern, Hallstatt und Mitterbach im Gebiet des heutigen Hinternaßwald an und errichteten an Nassbach und Schwarza die Holz- und Wasserriesen, Klausen und Rechen, die für die Bringung nötig waren.
Schon 1797, beim Baubeginn des Wiener Neustädter Kanals, erkannten beide Brüder die Möglichkeit, das in der wachsenden Residenzstadt dringend benötigte Brennholz auf diesem Weg nach Wien zu bringen. Johann starb 1799. Erst 1808 konnte Georg, nun als Geschäftspartner von Johann Ernst Graf Hoyos, den Transport über rund hundertfünfundzwanzig Kilometer organisieren. 1817 erhielt er von Kaiser Franz II. zusätzlich das ausschließliche Schwemmprivileg auf der Traisen.
1826 ließ Hubmer in Naßwald ein evangelisches Schul- und Bethaus errichten. Für seine Naßwalder war er zugleich Arbeitgeber, Krankenkassa, Pensionsversorgung, Richter und Rechtsvertreter; sie nannten ihn den Vater von Naßwald. Zu seinen besten Zeiten arbeiteten bis zu vierhundert Waldarbeiter für die Huebmer’sche Schwemm-Compagnie. Sein letztes Werk war ein eigener Friedhof für die evangelischen Bewohner der Gegend. Er war der Erste, der dort begraben wurde.
Den Namen Raxkönig bekam er erst hundert Jahre später, durch Ottokar Janetscheks Roman. Die Nachkommen seiner Holzknechte leben heute über die ganze Welt verstreut und treffen einander einmal im Jahr in Naßwald.
Der Kanal hätte bis Triest führen sollen. Gebaut ab 1797, in Betrieb ab 1803, gebaut wurde er tatsächlich bis in den Raum Wiener Neustadt. Er endete in einem Hafenbecken in der Wiener Landstraße — dort, wo heute der Stadtpark, das Hilton und Wien Mitte stehen — und führte von dort an Laxenburg vorbei und über Kledering, wo heute der Verschiebebahnhof liegt, nach Süden.
Ein Stück der Wiener Strecke liegt unter der Oberen, der Rechten und der Linken Bahngasse im dritten Bezirk. Das Büro von RitzlFilm steht auf dieser Trasse.
Etwa die halbe Transportstrecke schwammen die Brennholzscheite frei über Preinbach, Naßbach, Schwarza und Kehrbach. Für die andere Hälfte fuhren am Höhepunkt fast dreißig Schiffe auf dem Kanal.
Als die Wälder um Naßwald abgeholzt waren, musste Hubmer in das Wassereinzugsgebiet der Mürz ausweichen, das keine Verbindung zur Schwarza hat. Ab 1811 und, nach einer Unterbrechung, ab 1822 ließ er deshalb einen 430 Meter langen Schwemmtunnel durch den trennenden, 1134 Meter hohen Sattel des Gscheidl sprengen.
Gegraben wurde von beiden Seiten gleichzeitig. Die beiden Stollen trafen einander in der Mitte. Durch das Umleiten mehrerer Bäche konnte das Holz danach über die Wasserscheide hinüber getriftet werden. Es war der damals längste Tunnel Österreichs, geplant von einem Mann, der kaum lesen, schreiben oder rechnen konnte.
Hubmers Tunnel ist heute verschüttet. Ein Teil des zweiten, 760 Meter langen Tunnels, den sein Enkel sprengen ließ, ist noch zu sehen, ebenso Reste der Schwemmkanäle am Gscheidl. In Naßwald erinnert eine Gedächtnisstätte in einer nachgebauten Holzknechthütte an ihn; die von ihm gestiftete Kirche und sein Wohnhaus stehen noch.