Eine Frau baut ihr Leben lang eine Wissenschaft auf, an der Seite des Mannes, der als deren Vater gilt. Mit einundneunzig erfährt sie, wer er war, bevor sie ihn kannte.
Bogotá, Anfang der Vierzigerjahre. Alicia Dussán ist Anfang zwanzig und eine der ersten Ethnologiestudentinnen Kolumbiens — in einem Fach, das es kaum gibt. Sie lernt Gerardo Reichel-Dolmatoff kennen, einen österreichischen Emigranten, acht Jahre älter: klug, belesen, zurückhaltend, ein Mann, der über das Leben, das er zurückgelassen hat, fast nie spricht.
Sie heiraten.
Gemeinsam gehen sie in die Sierra Nevada de Santa Marta und beginnen mit den Kogi zu arbeiten, einem Volk, das sich bewusst von der Außenwelt zurückgezogen hat und den Berg als das Herz der Welt betrachtet. Alicia und Gerardo dokumentieren eine Welt, die kaum ein Fremder je gesehen hat. Ihre Forschung wird zur Grundlage des Fachs. Sie gründen Institutionen, richten Studiengänge ein und bauen die kolumbianische Anthropologie von Grund auf mit.
Doch während er zum gefeierten Vater der kolumbianischen Anthropologie wird, wird sie die Frau an seiner Seite.
Mehr als fünfzig Jahre lang arbeiten sie zusammen. Sie publizieren zusammen. Sie unterrichten zusammen. Ihre Namen sind untrennbar — und trotzdem erinnert die Geschichte ihres Fachs an den einen weit deutlicher als an die andere.
Gerardo stirbt 1994. Alicia macht weiter. Sie wird zu einer der angesehensten Anthropologinnen und Archäologinnen Kolumbiens, arbeitet bis ins hohe Alter und überlebt den Mann, mit dem sie ihr Leben, ihre Feldforschung und einen großen Teil ihres geistigen Werks geteilt hat, um fast drei Jahrzehnte.
Dann, im Juli 2012, ändert sich alles.
Bei einer Tagung in Wien zum hundertsten Geburtstag Gerardos tritt ein ehemaliger Schüler ans Pult. Er wollte seinen Lehrer würdigen. Stattdessen legt er Dokumente vor, die zeigen, dass der Mann, den Alicia geheiratet hat, vor seiner Emigration nach Kolumbien Mitglied der NSDAP und der SS war.
Alicia ist einundneunzig. Was sie wusste, und wann sie es wusste, ist die Frage, an der dieser Film hängt.
Denn was heißt es, die Wahrheit über einen Menschen zu erfahren, nachdem man ein halbes Jahrhundert lang geglaubt hat, ihn zu kennen? Und was wird aus einem Lebenswerk, wenn die Person, deren Name neben dem eigenen steht, eine verborgene Vergangenheit hat, die den Sinn von allem verschiebt, was davor war?
ALICIA ist nicht in erster Linie die Geschichte von Gerardo Reichel-Dolmatoff. Es ist die Geschichte von Alicia Dussán — einer Pionierin, deren eigener Beitrag zur Anthropologie immer wieder vom Mann an ihrer Seite überschattet wurde, und die mit einundneunzig gezwungen war, nicht nur ihren Mann neu zu betrachten, sondern die gemeinsame Geschichte, die sie geschaffen hatten.
Der Film folgt ihr über acht Jahrzehnte: von der jungen Frau, die ein Fach betritt, das es fast nicht gibt, über die außergewöhnliche Feldforschung bei den Kogi und die Entstehung der kolumbianischen Anthropologie bis zur Enthüllung in Wien und den elf Jahren, die ihr blieben, um mit dem Erfahrenen zu leben.
In seinem Zentrum stehen zwei Fragen. Wie gut kann man einen anderen Menschen je kennen — auch den, mit dem man ein Leben geteilt hat? Und wem gehört ein Lebenswerk, das zwei Menschen geschaffen haben, wenn die Geschichte sich nur an einen erinnert?
Alicia Dussán de Reichel wurde am 16. Oktober 1920 in Bogotá geboren und starb am 17. Mai 2023 im Alter von 102 Jahren. Sie gehörte zu den ersten Ethnologiestudentinnen Kolumbiens und war zwei Jahrzehnte lang die einzige Frau des Landes, die archäologisch und anthropologisch arbeitete. Ihre Feldforschung führte sie zu den Kogi in der Sierra Nevada de Santa Marta und zu den Tukano im nordwestlichen Amazonasgebiet.
Gerardo Reichel-Dolmatoff wurde am 6. März 1912 in Salzburg geboren und emigrierte 1939 nach Kolumbien. Die beiden heirateten Anfang der Vierzigerjahre. 1952 gründeten sie gemeinsam das kolumbianische Institut für Anthropologie, 1957 an der Universidad de Cartagena den ersten anthropologischen Lehrstuhl Lateinamerikas, 1963 die anthropologische Abteilung der Universidad de los Andes in Bogotá. Er starb 1994.
Im Juli 2012 machte der Anthropologe Augusto Oyuela-Caycedo beim 54. Amerikanistenkongress an der Universität Wien öffentlich, dass Reichel-Dolmatoff der NSDAP und der SS angehört hatte. Grundlage waren Recherchen der auf die NS-Zeit spezialisierten Historiker Holger Stoecker und Sören Flachowsky von der Humboldt-Universität Berlin. Oyuela-Caycedo hatte bei Reichel-Dolmatoff studiert und seinen Vortrag als Würdigung zu dessen hundertstem Geburtstag vorbereitet.
Der Film erzählt von Menschen, die ein indigenes Volk erforscht haben. Er kann das nicht tun, ohne dieses Volk selbst zu Wort kommen zu lassen. Die Kogi sind in diesem Stoff kein Schauplatz und keine Kulisse, sondern eine Gegeninstanz — und die Regeln, nach denen sie über Kontakt mit Fremden entscheiden, gelten für eine Filmproduktion genauso wie für eine Forschungsreise.
Ebenso wenig ist dieser Film ein Tribunal. Was Reichel-Dolmatoff getan hat, ist belegt und wird benannt. Was er später wurde, ist ebenfalls belegt. Der Film urteilt nicht an Stelle der Frau, die achtzig Jahre lang Gelegenheit dazu hatte.