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Der Vogel bildet einen Tropfen, saust mit bis zu 300 Kilometern pro Stunde Richtung Erde, vor allem Richtung Beute. Dem Wanderfalken ist eine neue ORFUniversum-Folge gewidmet, produziert von der Interspot Film. Spektakuläre Aufnahmen sind dabei gelungen, auch dank des extrem lichtstarken Sensors der Canon ME20F-SH, wie Clemens Wollein im Gespräch mit Sylvia Bergmayer und Wolfgang Ritzberger berichtet.

Langsam schraubt sich der eher kleine Vogel – ein Wanderfalken-Männchen wird bis zu 30, ein Weibchen bis zu 50 Zentimeter groß – in die Höhe. Der Wanderfalke jagt andere Vögel, Tauben etwa und Kleingetier auf dem Boden. Er ist kein Greifvogel, sondern operiert mit der Wucht des Aufpralls, den er aus seiner hohen Fluggeschwindigkeit erzielt. Ist das Opfer nach dem Aufprall noch nicht tot, zerbeißt der Falke das Genick und damit die Nervenstränge. Aber auch der Wanderfalke hat Feinde. Der Uhu zum Beispiel, der weitaus größer und nachtaktiv ist, fliegt das Nest des Wanderfalken an, wischt die Elterntiere mit seinen Krallen oder Flügeln aus dem Nest und holt sich dann im Flug die Jungtiere. Die größte Gefahr für den Wanderfalken, der zu den am meisten verbreiteten Raubvögeln der Welt zählt, war aber – keine wirkliche Überraschung – der Mensch. Der hemmungslose Einsatz des Unkrautgiftes DDT vermochte den Tieren mehr zu schaden als alle Taubenzüchter, die den Wanderfalken, schlicht weil er ihnen die Tauben wegfraß, bekämpften. Oder Eierdiebe. DDT führte dazu, dass die Eierschalen des Falken zu dünn wurden und die Jungen starben, bevor sie sich entwickeln konnten. Erst das Verbot von DDT führte weltweit zu einer merkbaren Erholung der Population.

Im Reich des Wanderfalken

In der Universum Natur-Dokumentation mit diesem Titel, die die Interspot Film derzeit für den ORF produziert, spielt der Wanderfalke eine Hauptrolle. Ein Zweiteiler, ein kulturhistorischer Teil und Universum Wildlife. Seefeld im Herzen Tirols, der mittlerweile berühmte Wintersportort, liegt auf etwas mehr als 1.100 Meter Seehöhe auf einem alpinen Hochplateau zwischen Wettersteingebirge und Karwendel. Die Heimat des Wanderfalken, eines der faszinierendsten Tiere des alpinen Geländes rund um Seefeld, das kommenden Februar Austragungsort der Nordischen Ski-WM ist. Der Film, der aus diesem Anlass produziert wird, begleitet ein Wanderfalkenpärchen ein Jahr lang und zeigt auch spektakuläre Aufnahmen der Mondfinsternis, des Blutmondes vom 27. Juli, der in Seefeld besonders spektakulär zu sehen war.

Glücksund Wiederholungssache

Cut – stellen Sie sich diesen Text gelesen vor, von Otto Clemens oder einer der anderen eindrucksvollen Stimmen (Peter Gruber etwa), die uns schon gefühlt ein Leben lang begleiten. Das und die eindrucksvollen Bilder, die der Universum-Spezialist der Interspot, Produzent Heinrich Mayer-Moroni, seit Jahren liefert, machen die Qualität dieser Filme aus. Aber so spektakuläre Bilder müssen auch gefilmt werden. Aber wie filmt man einen mit 300 Kilometer pro Stunde dahinsausenden Vogel, wie filmt man die Tierwelt in der Nacht, wenn man seine eigene Hand kaum vor den Augen sieht. Wie filmt man einen Blutmond in einer Belichtungssituation, in der man viel falsch machen kann, der noch dazu ein Ereignis ist, das wenn es vorbei ist, eben vorbei ist.

Die Lösungen, die die Produktionsleiter, Kameraleute und Regisseure für die ORF-Reihe „Universum“ gefunden haben sind genauso faszinierend wie die spektakulären Bilder. Ein Teil ist aber nicht die ganz wilde Natur, sondern eine naturnahe Darstellung, erklärt uns Produktionsleiter Clemens Wollein, seit 2015 bei der Interspot: „Es waren mit Abstand die schwierigsten Aufnahmen, die ich in 20 Jahren gemacht habe!“ Wobei die Vorbereitungen für so eine Doku für das Team schon Routine sind. Regisseur Manfred Corrine hat schon etliche Dokumentationen mit Tieren gedreht. Auch hier wird sehr viel Zeit mit den Vorbereitungen und Recherchen über das Gelände und das Revier aufgewendet. Der Wanderfalke baut seine Nester im Wald und im hochalpinen Gelände, die Nester müssen gefunden, beschrieben und beobachtet werden. Gemeinsam mit lokalen Experten wird dann entschieden, wo gedreht wird. Wobei das im Gebirge auch nicht unbegrenzt funktioniert, ein Kameramann, der sich zu einem Nest abseilen lässt, kann auch nur einige Stunden dort hängen. „Wir haben fantastische Aufnahmen vom Wanderfalkenschlupf, wo wir 40 Stunden in der Martinswand neben den Eiern gewartet haben, bis die rausgekommen sind. Dann geht alles sehr schnell, innerhalb weniger Minuten“, so Clemens Wollein. Einen Falken im Flug zu filmen ist in der freien Natur wahrscheinlich kaum möglich. Nicht einmal mit den enormen Budgets etwa der BBC kann man Wahrscheinlichkeit und Naturgesetze beugen – die Wahrscheinlichkeit, dass man von dort, wo man sich mit der Kamera positioniert hat, den Falkenflug einwandfrei in den Kasten bekommt. Und die Naturgesetze, schwenken Sie mal bei 300 Kilometer pro Stunde mit der Kamera mit. Ja, eben. Die professionellen Naturfilmer schaffen daher für ihre Aufnahmen naturnahe Bedingungen, ein Teil der Flugaufnahmen wird mit trainierten Tieren aus einer Falknerei gedreht. Clemens Wollein erzählt:

Es waren mit Abstand die schwierigsten Aufnahmen, die ich in 20 Jahren gemacht habe!

„Grad beim Wanderfalken ist das extrem schwierig, der lässt sich sehr schwer abrichten, weil die Falkner natürlich auch nicht wollen, dass den Tieren ein unnatürliches Verhalten eingetrichtert wird, das die Tiere dann aber auch relativ rasch aufnehmen. Der Wanderfalke ist kein Greifvogel, den man mit einem Falkner klassisch von Punkt A nach Punkt B fliegen lassen kann, der will und soll nicht von Faust zu Faust fliegen.“ Selbst den so trainierten Falken filmen zu wollen, ist eine laut Wollein für den Kameramann, in diesem Fall Martin Haupt, sehr komplizierte Angelegenheit: „Wir haben größtenteils mit fix definierten Routen gearbeitet, und Wildlife ist ja so, dass man grad bei den Nestern schärfetechnisch nicht so das Problem hat. Wir haben teilweise Highspeed gedreht, 1.000, 1.200 Frames pro Sekunde, da ist es einfach nur eine Glücksund dann Wiederholungssache. Wiederholen, wiederholen, die gleiche Strecke immer wieder abschärfen, immer wieder probieren. Irgendwann einmal hast du zumindest einen Großteil des Takes in einer vernünftigen Schärfe.“

Da der Flug des trainierten Tieres also um nichts weniger spektakulär und immer noch schwierig genug zu realisieren ist, wird der Falke zusätzlich mit Laser getaggt wie beim Militär, um der Kamera damit einen zusätzlichen technischen Anhaltspunkt zu bieten. Um den Zielpunkt eines Sturzfluges genau zu kennen, muss man auch die Beute und deren Standort kennen. Zumindest dieser Teil, die Beute, ist dann inszeniert, der Rest, also der Sturzflug und das Schlagen der Beute, nicht mehr. Aber für die Kamera besteht eine gute Chance, diese Szenen einfangen zu können. Trotzdem sind Geduld und „immer wieder probieren“ unabdingbar. Die spektakulären Aufnahmen im Nest des Wanderfalken, mit einem Uhu als Eindringling, entstehen aus endlosen Stunden an Material, die zum Teil dank extrem lichtempfindlicher Kameras wie der Canon ME20F-SH entstanden sind.

Drehen bei völliger Dunkelheit

Die ME20 haben wir nach Tirol mitgenommen“, erzählt Clemens Wollein, „wo wir auch bei völliger Dunkelheit gedreht, mit menschlichem Auge keine zwei Meter gesehen haben. Ich stand direkt vor der Kamera und konnte sie nicht sehen, sie mich schon. Allein belichtet durch das Umgebungslicht, haben wir fantastische Tieraufnahmen gedreht, weil die Tiere keine Lichtquelle sehen, genau dafür ist die Kamera sicher top geeignet. Gedreht haben wir mit der Netzwerkvariante, die ME20 hat keine Möglichkeit, vernünftige Files am Body aufzuzeichnen, nur über SD-Card, ganz Low-res Proxies, die für Ansichtszwecke halbwegs geeignet sind. Wir haben das Signal mit einem Atomos Sumo als 10 Bit Signal abgegriffen. Wir haben uns auch gespielt und bei völliger Dunkelheit den Infrarotfilter rausgegeben, da sieht man, was die Kamera bei völliger Dunkelheit noch rausholt und das ist wirklich spektakulär. Das sind, glaube ich, 24 oder 27 Millionen Pixel, für Naturaufnahmen bei einer ganz schlechten Lichtsituation extrem geeignet. Hinsichtlich Dynamik und Lichtempfindlichkeit ist die Kamera unglaublich. Dass man den Infrarotfilter mechanisch rausdrehen kann, eröffnet in der Nacht unbegrenzte Möglichkeiten. Man kann ein Infrarotlicht aufstellen, das die Tiere nicht oder nur sehr schlecht wahrnehmen, und eine ganze Wiese oder einen Bauausgang beleuchten.“

Blutmond

Diese Aufnahmen sind besonders spektakulär geworden. Gedreht wurde an verschiedenen Orten, da natürlich das Wetter ein nicht zu kalkulierendes Risiko dargestellt. „Gott sei Dank, denn in Seefeld, mit der ME20, hat es halbwegs geklappt. Im Weinviertel, wo wir auch ein Team hatten, etwas mehr östlich, da wäre der Mond besser zu sehen gewesen, hat es leider wegen des Schlechtwetters nicht funktioniert“, so Wollein. Die beeindruckendsten Aufnahmen des Mondes wurden gemeinsam mit der ASA Astrosysteme GmbH (www.astrosysteme.com) aus dem oberösterreichischen Neumarkt im Mühlkreis, ein Teleskopbzw. Linsenhersteller und im Bereich Astrofotografie einer der Weltmarktführer, realisiert. ASA hat in Namibia eine Sternwarte gebaut, die weltweit einzigartig auf dem Gebiet der Astrofotografie ist. Dort sind mehr als 40.000 Himmelsobjekte fix einprogrammiert und von Deep-Sky-Objekten können Aufnahmen mit einer Belichtung von sechs bis 12 Stunden Dauer realisiert werden. Das heißt aber auch, dass dieses Teleskop den Objekten auf hundertstel und tausendstel Millimeter nachfahren können muss, um Bewegungsunschärfen zu vermeiden. „Wir haben uns in Namibia ein paar Stunden eingebucht und mit diesen Bildern und den Aufnahmen aus Tirol, die wir mit der Canon ME20 realisieren konnten, können wir im Film ein wunderschönes Zeitdokument der längsten Mondfinsternis des 21. Jahrhunderts zeigen.“ Die nächste längere Mondfinsternis findet übrigens am 9. Juni 2123 statt und ist ganze zwei Minuten länger. Bis dahin kann das Fernsehpublikum die Universum-Doku genießen, die im Dezember fertig gestellt und rund um die Nordische Ski-WM in Seefeld 2019 ausgestrahlt wird.

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