Es gibt Filme, die man bewundert, und Filme, die einen persönlich treffen. „Everything Everywhere All at Once“ gehört für mich zur zweiten Sorte. Das liegt vor allem an einer Frau.
Evelyn Wang, eine chinesischstämmige Einwanderin in den USA, führt einen Waschsalon. Sie steckt mitten in einer Steuerprüfung, ihre Ehe bröckelt, und zu ihrer Tochter Joy findet sie keinen Zugang mehr. Dann erfährt sie, dass es unzählige Versionen ihres Lebens gibt – und dass sie durch diese Paralleluniversen reisen muss, um eine übermächtige Gegnerin aufzuhalten. Die Gegnerin ist eine Version ihrer eigenen Tochter.
In einem dieser Universen hat Evelyn Würstel statt Finger. In Wien stellt sich da sofort die Frage: mit Senf oder mit Kren?
Das klingt nach Chaos. Es ist auch Chaos. Aber eines mit Herz: Unter all den Welten, Kämpfen und Absurditäten erzählt der Film von einer Mutter, die ihr Kind nicht mehr erreicht.
Wer „Per Anhalter durch die Galaxis“ gelesen hat, kennt die Frage nach dem Sinn des Lebens, dem Universum und dem ganzen Rest. Douglas Adams antwortete mit 42. Die Daniels antworten mit einem Bagel, auf dem alles drauf ist.
Gedreht haben ihn Daniel Kwan und Daniel Scheinert, bekannt als „die Daniels“. Es war erst ihr zweiter Spielfilm. Er lief im März 2022 an, spielte über 100 Millionen Dollar ein und half den Programmkinos nach zwei Jahren Pandemie wieder auf die Beine.
Michelle Yeoh begann ihre Karriere in Hongkong, mit Kampfkunstfilmen wie „Yes, Madam“ und „Police Story 3: Supercop“, in denen sie ihre Stunts selbst drehte. Danach kam der Bond-Film „Der Morgen stirbt nie“, und zum internationalen Star wurde sie mit „Tiger and Dragon“ – einem Film, der mich bis heute begleitet.
In „Everything Everywhere All at Once“ spielt sie nach Zählung des „Hollywood Reporter“ rund 70 Figuren: komisch, dramatisch, kämpfend, oft in derselben Szene. Der Film spielt sogar mit ihrer eigenen Karriere und verwendet Aufnahmen von Yeoh bei echten Premieren, etwa von „Crazy Rich Asians“.
Bei der Oscarverleihung im März 2023 war Michelle Yeoh 60 Jahre alt. Mit welcher Kraft, Komik und Körperbeherrschung sie diese Rolle trägt, beeindruckt mich bis heute.
Sechzig Jahre. Rund siebzig Figuren. Anderswo geht man in dem Alter in Pension.
Bei den 95. Academy Awards folgte ein Durchmarsch: sieben Oscars, für den besten Film, die Regie, das Originaldrehbuch, den Schnitt, für Michelle Yeoh als Hauptdarstellerin, Ke Huy Quan als Nebendarsteller und Jamie Lee Curtis als Nebendarstellerin. Geschlagen wurden Kassenschlager wie „Top Gun: Maverick“ und „Avatar: The Way of Water“ ebenso wie Kritikerlieblinge wie „Tár“ und „The Banshees of Inisherin“. Für das Studio A24 war es nach „Moonlight“ der zweite Oscar als bester Film.
Michelle Yeoh wurde die erste Asiatin, die den Oscar als beste Hauptdarstellerin gewann, und nach Halle Berry erst die zweite nicht weiße Frau in dieser Kategorie. Yeoh und Quan waren zudem die ersten, die für Figuren ausgezeichnet wurden, die Mandarin und Kantonesisch sprechen.
„Ladies, lasst euch nie einreden, eure beste Zeit sei vorbei.“ – Michelle Yeoh in ihrer Dankesrede
Koreanisch ist der Film nicht. Er erzählt von einer chinesischstämmigen Familie in Amerika. Aber er steht in einer Reihe: Drei Jahre zuvor hatte „Parasite“ als erster nicht englischsprachiger Film den Oscar als bester Film gewonnen. 2023 wurden erstmals mehrere asiatische Schauspieler im selben Jahr ausgezeichnet.
Man muss das nicht zum Trend erklären. Als Zeichen darf man es lesen.
Für mich bleibt „Everything Everywhere All at Once“ vor allem ein Film über eine Mutter und ihre Tochter. Und über eine Schauspielerin, die mit sechzig zeigt, was alles möglich ist.