RITZLFILM
Porträt

Einer der Letzten seiner Art

Anfang Jänner hielt die österreichische Filmwelt ein wenig den Atem an und konnte und wollte es nicht glauben: Martin Stingl, Vorstandsmitglied des aac, einer der profiliertesten Kameramänner unseres Landes, starb durch einen Herzinfarkt. Ein Versuch der kollektiven Erinnerung von Wolfgang Ritzberger.

Natürlich ist es zu früh, wenn’s jemand erwischt, der den 60er knapp, aber eben noch nicht erreicht hat, natürlich ist es zu früh, weil er noch viel vorgehabt hätte, und es ist immer zu früh, weil man immer erst nachher draufkommt, was man selbst versäumt hat. Hätte ich das gewusst, dass ich den Martin danach nie mehr sehen würde, hätte ich bei der Weihnachtsfeier des ÖFI … ja eh, hätten wir alle, die ihn gekannt, geschätzt, geliebt, gemocht, geachtet haben und ihn jetzt vermissen.

Martin Stingl war in mehrfacher Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung. Er war gelernter Dreher, hat keine Filmakademie, Hochschule oder HTL besucht, er hat sich, wie man so schön sagt, von der Pike auf hochgearbeitet. Wir sind einander in den legendären Ateliers der CP-Film in der Johnstraße das erste Mal begegnet. Er war damals Oberbeleuchter, ich Mikroassistent – Martin brachte es später so auf den Punkt: Wir haben beide mit dem Besen in der Hand im Atelier angefangen. Stimmt. Genau so kann man das sehen. Mich hat er sehr beeindruckt, weil er sich einen Beleuchter zur Brust genommen hatte, der der Arbeit elegant aus dem Weg zu gehen im Stande war und von dem am Set erzählt wurde, das sei der Neffe von einem der Chefs der Produktionsfirma. Martin war das schnurzegal. Die anderen hatten es gar nicht so mitbekommen, aber der Ton hört bekanntlich alles, als er dem jungen Herrn klar machte, dass er entweder „anzaahn“ oder sich vom Acker machen könne. Der junge Mann ist übrigens nachher getschurtelt wie ein Brummkreisel, wahrscheinlich war der Onkel auch eher nicht amused.

Stephan Mussil, Vorstandskollege im aac, schreibt über Martin: „Seine Lehre habe ihm am Kurbelkopf sehr geholfen, seine Pan and Tilts durchzuführen, wie er mir erzählte. Das eröffnete ihm die Möglichkeit, bei einigen großen amerikanischen Filmen zu schwenken (zum Beispiel „Eye of the Widow“). Kaum dreißig Jahre alt, wurde er von Peter Patzak in dessen Team geholt. Eine jahrelange Zusammenarbeit fand seinen Beginn. Neben unseren privaten Kontakten haben wir auch einige filmische Projekte gemeinsam durchgeführt. Martin als DoP und ich „Second Unit“ oder zweite Kamera – „Tödlicher Umweg“ oder einige Folgen „Soko Kitz“. Ich bewunderte immer seine Ruhe. Es konnten noch so viele Dinge passieren, er blieb immer cool. Dazu noch die Kreativität und sein technisches Know-how – eine Kombination, die ihn als Kameramann so begehrt machte.“

Stichwort „Soko Kitz“. Um die Qualität von Martin zu beschreiben, ist vielleicht diese Episode typisch. Eines Abends, als ich noch Zeit fand, im TV zu zappen, landete ich bei einer Einstellung von einem Gebirgsbach oder eher schon einem Fluss, in dem sich Rafting-Sportler tummelten – gestaltet als Kamerafahrt mit dem Kran und zwar so meisterhaft, dass ich mich schon wunderte, um diese Sendezeit einen Hollywood-Blockbuster im ORF serviert zu bekommen. Die folgenden Inserts belehrten mich: Soko Kitz. Kamera: Martin Stingl. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Stephan Mussil schreibt weiter: „Ich habe ihn eigentlich fast nie sauer erlebt, immer gut aufgelegt. Aber vielleicht war das auch ein wenig eine Mauer – eine Mauer, Menschen nicht zu nahe an ihn ranzulassen. Ich wusste von seinen gesundheitlichen Problemen nichts, vielleicht wollte er es auch nicht – es hätte wohl sein Bedürfnis, immer Sunny Boy zu sein, gestört.“

Auf der Seite des aac findet sich folgender Eintrag: „Martin mutierte schließlich zu einem Meister unserer Zunft. Der Goldene Kader für die faszinierende Kinematographie der Leo Perutz-Verfilmung von „St. Petri Schnee“ 1991 galt einer Bildsprache, die das Oszillieren dieses Stoffes zwischen Traum und Wirklichkeit in unglaublich einprägsamen Kameraeinstellungen visualisierte.“

Ich selbst kann mich noch an die Dreharbeiten erinnern. Ich war als TV-Redakteur für einen Bericht zum Drehort gekommen, und alle waren erstaunt, wie sehr sich Martin und ich mich über das Wiedersehen freuten. Es war ein weiter Weg vom „Besen“ im Atelier in der Johnstraße zum Set von „St. Petri Schnee“. Und noch ein gutes Stück beschwerlicher, bis er mir zum Erfolg als Produzent von „Die beste aller Welten“ gratulierte. Alle Versuche, mit ihm ein Projekt zu realisieren, scheiterten an der Finanzierung. Leider. Oder, wie auf der aac-Seite zu lesen ist: „Zu denken gibt mir aber auch, wie die Brutalität und Gnadenlosigkeit dieser Branche am Beispiel von Martins Karriereverlauf deutlich wird. Wie schnell es sich ändert, und man ist plötzlich nicht mehr so gefragt, bekommt weniger Aufträge, etc. Was zählt eigentlich letztendlich wirklich im Leben …“

Zu seinem Begräbnis in Gutenstein in Niederösterreich konnte ich dann nicht fahren, ein Hearing vor der Auswahlkommission des ÖFI war genau zu dieser Stunde angesetzt. Dass es letztlich vergeblich war, schmerzt dann doch. Und dass die Akademie des Österreichischen Filmes, trotz mehrfachen Hinweises aus den Reihen des aac, ihr Versprechen, seiner bei der Verleihung des Kamerapreises kurz zu gedenken, nicht in die Tat umsetzte. Wäre interessant zu wissen, ob der junge Kollege, der sich zu Recht über den Filmpreis für die beste Kamera freuen durfte, mit dem Namen Martin Stingl etwas anzufangen gewusst hätte. Aber, unterm Strich ist es, leider, auch schon egal.

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