RITZLFILM
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Den Schnitt verstecken

Peter Schröder und Alexander Boboschewski, aac vermarkten schon seit längerer Zeit ihre sehr erfolgreiche Art und Weise Kultur aufzuzeichnen: Stichwort 4k und 35mmLook. Ihr neuer Regieplatz hat nun mit cinelive einen Namen bekommen. Wolfgang Ritzberger hat die beiden im Studio im 3. Bezirk besucht.

Ganz früher war es ein Kaffeehaus, das Ecklokal am Kolonitzplatz im dritten Bezirk, dann ein Warenlager, dann der Versammlungsort für eine wahrscheinliche Sekte. Heute weisen ein Rundhorizont und fix an der Decke montierte Scheinwerfer darauf hin, dass es damit vorbei ist. Kaffee bekommt man immer noch, und es stehen auch jede Menge Waren herum, locker verstreut im Raum – da eine Kamera, dort ein Optikkoffer, dessen Inhalt locker ein Familienauto finanzieren könnte, und mittendrin das Herzstück, das, worum sich alles dreht, der Altar, auf dem die beiden ihr Hochamt zelebrieren – Moment, der religiöse Verein ist hier ebenfalls Geschichte. Aber dass der „cinelive“ Regieplatz ein bisserl wie ein Altar aussieht und Peter Schröder seine Passion so engagiert wie ein Missionar lebt, hat trotzdem nichts mit einer Sekte zu tun. Eher mit einem klaren Konzept und sehr genauen Vorstellungen, wie es aussehen soll, was sie gemeinsam mit ihrem Team für die Ewigkeit, oder zumindest für einige Jahre, aufzeichnen sollen. „Ich möchte etwas machen, was ich mir dann auf meine eigene Musterrolle geben möchte“, erklärt Regisseur Peter Schröder, der dem Cutter Peter Schröder die Steilvorlage für die Gestaltung liefert. Mit einer soliden Mannschaft aus erfahrenen Profis, in der jeder einzelne so viel Gespür hat wie andernorts eine ganze Ü-Wagen Mannschaft. „Wir haben eben nicht nur einen Chefkameramann und dazu fünf schlecht bezahlte und unterbeschäftigte Schwenker. Hinter jeder Kamera sitzt ein erfahrener Profi“, betont Alexander „Bobo“ Boboschewski. Man sei als Team schon seit Jahren sehr gut eingespielt, und das Ergebnis sehe dann auch danach aus. Begonnen hat es mit Kabarettaufzeichnungen für das Fernsehen, womit in Österreich meist der ORF gemeint ist. Peter Schröder hatte sich in diesem Genre einen Namen gemacht und die mittlerweile eingespielte Truppe, zu der unter anderem auch Chef-Kameramann Wolfram „Cinewolf“ Zöttl und der Lichtdesigner Helmut Krammer gehören, machte sich langsam einen Namen. „Ich komme vom Schnitt“, erzählt Peter Schröder, „was nicht unbedingt heißt, dass ich alles zerhacken muss, dass es wie ein Musikclip aussieht.“ Für ihn gehe es um Gefühl und Rhythmus, um die Idee, das Dramaturgische mit dem Schnitt dem Publikum mitzuteilen, die Idee, wann zeige ich was wie groß versus Totale. „Wir leben im Land der dreiviertel Produkte, sprich alles ist nur dreiviertel gut, könnte aber besser sein. Viel besser.“ Der Schnitt sei kein Selbstzweck: Seht her, ein Schnitt, Hauptsache es wird geschnitten – das Pendant dazu wäre, so Alexander Boboschewski, „wenn sich sonst nix bewegt, bewegt sich wenigstens die Kamera!“ „Ich möchte den Schnitt verstecken, in einer Bewegung, in der Aktion, so dass er dem Publikum gar nicht auffällt, so wie ihm gar nicht auffällt, dass es durch eine Kamera zusieht.“ Das Credo von Peter Schröder ist leidenschaftlich, überzeugend und keinen Zweifel duldend.

Wir haben eben nicht nur einen Chefkameramann und dazu fünf schlecht bezahlte und unterbeschäftigte Schwenker. Hinter jeder Kamera sitzt ein erfahrener Profi

Cinelive

Der Regieplatz, eigentlich ein wanderbares TV-Studio, ist in der Lage, sich kurzerhand in ein paar Transportcases zu verpacken und auf Tour zu gehen. „Wir haben das ursprüngliche Konzept beibehaltenfast“, erzählt Alexander Boboschewski. So wurde das Konzept „livecut“, dass das Unternehmen am Anfang begleitet hatte, gekippt.

Zu kompliziert meinen beide im Chor. Geblieben sind der LiveSchnitt sowie die Aufzeichnung jeder einzelnen Kamera und die Schnittsumme. Nur wird jetzt nicht mehr jeder Live-Stream auf einer Ingest-Maschine, also auf einem Server, aufgezeichnet, sondern auf SSD-Karten über die entsprechenden Rekorder. „Zusätzlich zeichnet jede Kamera intern auf, das heißt, wir haben ebenfalls jede Kamera einzeln und die Summe vom Live-Schnitt“, stellt Schröder fest. Sicherheitshalber wird zweimal gesichert, auf Raids und auf LTO Bändern, wobei heuer noch das neueste Modell angeschafft wird, mit dem die Sicherung auf Band parallel zum Live-Betrieb geschehen kann. In der Postproduktion schlägt dann Schröders Stunde, wo er seine Erfahrung als Cutter mit seinen Vorstellungen als Gestalter, als Regisseur zusammenführt. Geschnitten wird auf Final Cut X. Ja genau, wir haben ihn gefunden, den letzten, treuen Apfel-Indianer, der trotz aller Widrigkeiten fest am Obst festhält. Wobei festhalten? Peter Schröder erklärt seine Entscheidung nach wie vor mit der gleichen Rationalität und Leidenschaft, mit der er auch sonst unterwegs ist. „Final Cut X ist nach wie vor genial,“ schwärmt er, „ja, es hat nachgelassen, aber alleine die Architektur des Programms ist sensationell.“ Wie schon vor Jahren, bei Einführung des neuen Final Cut X, brachte Apple mit der Einführung der „Magnetic Timeline“ eine neue Philosophie auf den Markt. Die Timeline ist nur mehr Abbild des Quellmaterials, kein „Vorschaurendern“ mehr, keine Beanspruchung der CPU-Kapazität des Rechners. Für Schröder ist FC vor allem beim MultikameraSchnitt unschlagbar. Das, was Live-Cut als Programm angeboten hat, die Verwaltung und synchrone Wiedergabe der einzelnen Streams in der Timeline des Schnittprogramms, funktioniert mit FCX nahezu automatisch, eine eigene Funktion sortiert die einzelnen Spuren nach dem Timecode und, so nicht vorhanden, nach dem Ton. Stichwort Ton, auch hier arbeitet FCX mit der neuesten Version von ProLogic perfekt zusammen. Ein MacPro, noch die Version deren Beschreibung zwischen Abfalleimer und Bleistifthalter mäanderte, der seiner vielen Thunderbolt-Anschlüsse wegen ideal erscheint, an denen die diversen Raids mit bis zu 1000 mb/s Verbindungsgeschwindigkeit hängen. An einer Besonderheit erkennt man Peter Schröders Arbeitsplatz meist sofort, an den vielen Radeln und Knöpfen, mit denen er beim Schnitt arbeitet: „Ich bin ein alter Cutter, der genau das gewöhnt ist. Ich bin nicht der Shortcut und Magicmouse Guy.“

Filmlook

Das, was die Produktionen der letzten Jahre aber so besonders macht, ist das Bemühen um diesen Filmlook, der nur mit Vollsensoren und jetzt mit 4k erreichbar ist. „Wir haben uns zum Ziel gesetzt, Kultur, das Asset unseres Landes, auch in der audiovisuellen Wiedergabe auf das höchste Niveau zu heben.“ Dieser Schritt nach vorne kostet zwar auch mehr, aber Schröder und Bobschewski haben es geschafft, die Sender, von ServusTV über Netflix bis zum ORF, davon zu überzeugen. Als Paradebeispiel nennen die beiden immer die Aufzeichnung des Bühnenstücks „Richard III“ im Globe Theater, das sensationelle Zuschauerzahlen erreichte. „Nur für eine Verwertung auf DVD zahlt es sich nicht aus“, weiß Boboschewski. Die Aufzeichnung war dann auch eine Gemeinschaftsproduktion von Michael Niavarani und Hoanzl und konnte dann an ServusTV verkauft werden. „Niavarani war von Anfang an begeistert, als wir ihm die ersten Probeaufnahmen gezeigt haben“, erzählt Schröder, „und am liebsten hätte ich hinter jeder Säule eine Kamera versteckt.“ Das Spiel mit Schärfe und Unschärfe kommt bei dem Stück, wo die Bühne ins Publikum hineingebaut ist, besonders gut zur Geltung. Eine große Rolle spielt auch die Lichtgestaltung. Wolfram Zöttl und Helmut Krammer frischen nicht nur das vorhandene Licht ein klein wenig auf, sondern setzen ein eigenes Licht, das auf der einen Seite das Konzept des Bühnenlichtmeisters nicht zerstört, sondern auf der anderen Seite genau dieses Konzept in ein „Filmlicht“ übersetzt. Manchmal ist nur ein kleiner Spot, der auch nur einmal kurz aufleuchtet, genau dann, wenn das Geschehen für einen Moment lang in genau dieser Ecke der Bühne landet, für den einen Schuss auf das Gesicht genau dort ein Spitzlicht, ein Augenlicht, eine Aufhellung gut wäre. „Das ist genau der Schritt nach vorne, den wir gehen und gehen wollen!“ sagen Schröder und Boboschewski.

Nicht nur die Produzenten von „Richard III“, sondern auch die Seer und etliche Kabarettisten von Düringer bis Resetarits haben dem Team rund um Peter Schröder, Alexander Boboschewski und Wolfram „Cinewolf“ Zöttl ihr Vertrauen geschenkt. Der ORF ist ohnehin Stammkunde, wenngleich er nach dem Geschmack der beiden zu viel Archiv spielt, und ServusTV und Netflix haben sich von dem Konzept und dann vom Ergebnis gleich überzeugen lassen. Das spektakulärste Projekt war bis jetzt sicher die Aufzeichnung eines Konzertes des Projektes „Pecoraro und Pecoraro“. Vater und Sohn mit einem Chor und einem großen Orchester auf der Bühne der ausverkauften Wiener Stadthalle, aufgezeichnet für ServusTV. Mario Pecoraro ist bekannt als Keybord-Spieler bei den Seern und trat als Sänger gemeinsam mit seinem Vater Herwig, einem klassischen Tenor und seit fast 30 Jahren Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper, auf. Die Mischung aus Pop und Klassik ist als Vaterund Sohn-Performance bemerkenswert, wenn auch nicht unbedingt neu. Umgesetzt mit elf Kameras. Ein Nachsatz noch zu Kammersänger Herwig Pecoraro: Auf dem Ölberg in Klosterneuburg betreibt er eine kleine Essigmanufaktur, die feinsten, traditionell hergestellten Aceto Balsamico produziert – hier trifft ebenfalls Leidenschaft auf einen Künstler.

Zurück auf den Kolonitzplatz im dritten Bezirk, wo soeben Johannes Loreck von Canon eingetroffen ist. Canon stellt die Kameras (die neuen 300er) und die Cine-Optiken für das Projekt. Besprochen wird der 8. Juni, an dem das Team sein System im Studio der Guxtu Filmproduktion in der Traviatagasse 31 im 23. Bezirk dem Publikum vorstellen möchte. „Wir wissen, dass unsere Qualitätsansprüche höher sind, als die der Kunden“, und genau daran wollen sie arbeiten.

Theateraufzeichnungen sind im Prinzip schon erfunden. Was ist also neu an eurem System?

Alexander Boboschewski: Kameratechnisch sind es die größeren Sensoren, und da sind wir bei Canon fündig geworden. Einfach, weil uns der Look, der hier erzeugt wird, gut gefällt. Und mit den Super 35mm-Sensoren und den Filmoptiken haben wir versucht, einen neuen Look für dieses Genre zu finden.

Kann man das überhaupt umsetzen? Theater ist doch dramaturgisch für ein Publikum gedacht, das hinter der 5. Wand sitzt und eine ganze Bühne im Blickfeld hat?

Peter Schröder: Aus unserer Sicht schaffen wir einen Film über das Stück, anstatt das Stück einfach nur abzufilmen. Die klassische Videoaufzeichnung lief nach dem Motto „Ich war dabei“. Wir wollen hingegen den Versuch unternehmen, eher einen Film darüber zu machen mit den technischen und dramaturgischen Mitteln, die wir heute zur Verfügung haben.

Alexander Boboschewski: Und das Publikum auch anders zu leiten, als es nur einfach davor zu setzen. Schröder: Also wir liefern sicher ein ganz anderes Erlebnis, als der Theaterbesucher hatte, wenn wir mit Großaufnahmen und Schnitt in das Stück hineingehen. Vor allem, wenn dann elf Leute auf der Bühne sind wie bei Richard III. Im Theater bleibt es dann dir überlassen, auf wen du schaust. Wir erzählen mit Schnitt, Gegenschnitt und Reaktionsschüssen die Geschichte möglicherweise ein wenig anders. Das ist ein anderes Konzept, da spielt auch das Licht eine große Rolle, das wir an die Möglichkeiten der Kameras anpassen, um diesen Augenblick möglichst gut festhalten zu können.

Verändert das nicht sehr viel von der Wirkung? Auf der Bühne gehen nicht so gute Schauspieler bei ebenfalls nicht besonders gut gelungenen Passagen neben einem Bühnentitan, also einem großen Schauspieler, der bis in die letzte Reihe wirkt, wenn er nur schaut, einfach unter, unbemerkt von den meisten Zuschauern. Im Film gibt es keine „Knallchargen“, da ist jeder, der zumindest irgendwie in Aktion gezeigt wird, für genau die paar Sekunden der Hauptdarsteller.

Boboschewski: Genau, dann muss ich mich halt entscheiden, ob der jetzt drinnen bleibt oder nicht. Schröder: Natürlich. Deshalb zeichnen wir ja nicht nur eine Vorstellung auf, das eröffnet dann mehr Möglichkeiten in der Bearbeitung.

Wo stehen wir überhaupt aus der Sicht eines Kameramannes in der technischen Entwicklung und dramaturgischen Entsprechung, Stichwort 360 Grad.

Boboschewski: Wir leben in einer so fantastischen Zeit, weil es so viele Möglichkeiten gibt. Jeden Tag gibt es neues Spielzeug, und wir dürfen jeden Tag etwas Neues ausprobieren. Einiges wird bleiben, weil die Werkzeuge gut funktionieren, anderes wird wieder verschwinden. Ich denke da an 3D, wahrscheinlich wird 360 Grad ein ähnliches Schicksal erleiden. Die Frage ist, wo man es einsetzt. Im Theater sehe ich das jetzt nicht. Möglicherweise gibt es Installationen, wo das sehr spannend ist, wie etwa die Installation um das Klimt-Fries von Frederik Baker im MAK. Da macht das Sinn, genau dafür mag ich es. Aber bei einem Konzert oder einem Theaterstück?

Schröder: Ich sehe das auch eher in der virtuellen Darstellung, weil ich reingehen und mich drinnen bewegen kann. Hätte bei einem Theaterstück auch seinen Reiz, aber ich sehe den Sinn nicht ganz.

Bei den Filmen, die es gibt, hat man das Gefühl, man könnte dem Bono Vox das Mikro wegnehmen. Bei einem Film über ein Flüchtlingslager möchte ich diese Nähe vielleicht nicht unbedingt.

Schröder: Es schließt das eine das andere nicht aus, ich hab das jetzt noch nicht so entdeckt, da bin ich lieber in der herkömmlichen Welt, aber in einer virtuellen Welt kann ich mir das sehr gut vorstellen. Das wäre dann aber eher die Gamer-Geschichte und nicht so sehr ein Film. Du schaffst einen Raum und überlässt aber dem Zuschauer, wohin er schaut und damit die Bildregie. Du kannst ihn zwar leiten und verleiten, in eine Richtung zu schauen, aber ob er es macht oder nicht, bleibt dann ihm überlassen. Rein von der kameratechnischen Umsetzung ist der Film von Billy Wilder mit Jack Lemon und Walter Matthau abgefilmtes Guckkastentheater.

Boboschewski: Das ist ein Kammerspiel, das funktioniert hat. Billy Wilder hat ja schon gesagt, man braucht drei Dinge für einen guten Film: ein gutes Buch, ein gutes Buch und ein gutes Buch. Ja eh …

Wieso hast du nicht gesagt, eine gute Kamera?

Boboschewski: Weil das die Voraussetzung ist, und du brauchst auch gute Schauspieler. Aber wenn das Buch nicht passt …, Schröder … nutzt dir die beste Kamera nix. Boboschewski: Was ich mir wünsche sind die besseren Pixel. Nicht mehr Pixel, also 4 und dann 6 oder 8k, sondern bessere Pixel. Zum Beispiel HDR, also alles, was meine Aufnahmen besser macht. Mehr muss ich nicht haben. Da interessiert mich mehr als die vielen „k“, dass ich in einem dunklen Raum die Auflösung habe, dass ich noch mitbekomme, was in dem Raum passiert, aber auch das Draußen ordentlich abgebildet ist.

Was ist dir noch wichtig neben besseren Pixeln?

Boboschewski: Die Suche nach der Position der Kamera, wo sie Teil der Geschichte wird. Wenn sie beginnt aufzufallen, wenn Technik beginnt aufzufallen, ist schon irgendwas falsch. Wenn ich dem Publikum eine Geschichte erzählen kann, und es merkt nicht, dass sie gefilmt ist, dann hat sie für mich funktioniert.

Schröder: Es gibt da im Englischen diesen Spruch „If you can’t convince them, confuse them“. Also wenn du dein Publikum nicht überzeugen kannst, dann verwirr es, brich alle Regeln und mache den Schnitt zur Gestaltung. Jumpcuts, Axensprünge und so weiter, und am Schluss sagen alle „pfau wild gschnittener Clip“. Ich will aber eher, dass das Publikum sagt „geile Gschicht“. Ich bin da eher der „Convincer“, der den Schnitt versteckt, der die Machart eher in den Hintergrund treten lässt, also exzessive Wackelkamera und so weiter.

Boboschewski: Drum ergänzen wir uns so gut.

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