Bong Joon-ho macht es seinem Publikum nicht leicht. Mit „Mickey 17“ bin ich nie warm geworden, und „Snowpiercer“ hat mich weniger erreicht als viele Kolleginnen und Kollegen. „Okja“ hingegen zählt für mich zu seinen stärksten Arbeiten.
De gustibus non est disputandum. Über Bong schon.
Für alle, die ihn nur vom Namen kennen: Bong wurde 1969 in Daegu geboren, studierte Soziologie und machte mit Genrefilmen Karriere – mit dem Krimi „Memories of Murder“ (2003) und dem Monsterfilm „The Host“ (2006), damals dem erfolgreichsten Film Südkoreas. 2019 gewann „Parasite“ als erster koreanischer Film die Goldene Palme in Cannes, wenige Monate später vier Oscars, darunter als erster nicht englischsprachiger Film den für den besten Film.
Dazwischen und danach entstanden drei Filme, die hierzulande weniger bekannt sind. Gerade sie verraten viel über seine Arbeitsweise.
2017 lief „Okja“ im Wettbewerb von Cannes. Ein koreanisches Mädchen, Mija, will ihr riesiges Schwein vor einem Fleischkonzern retten. Bezahlt hatte Netflix, laut Branchenberichten rund 50 Millionen Dollar. Einen regulären Kinostart in Frankreich gab es nicht – in Frankreich ungefähr so, als eröffnete man in Wien ein Kaffeehaus ohne Zeitungen.
Bei der Pressevorführung wurde gebuht, als das Netflix-Logo erschien. Dann lief der Film im falschen Bildformat, die Vorführung wurde abgebrochen und neu gestartet – und das Logo ein zweites Mal ausgebuht.
Bong nahm es gelassen. So habe man den Anfang eben zweimal gesehen, sagte er danach, und der sei ohnehin voller Informationen. Man nennt das Größe. Oder Pressekonferenzerfahrung.
Jurypräsident Pedro Almodóvar fand, ein Film, der nicht im Kino läuft, sollte die Goldene Palme nicht bekommen. Und das Festival änderte seine Regeln: Seit 2018 muss jeder Film im Wettbewerb in französischen Kinos starten. Ein Film hat also die Statuten von Cannes umgeschrieben, ohne einen Preis zu gewinnen.
Schwein gehabt hat Netflix an diesem Tag nicht.
Es gab auch die Gegenseite. Tilda Swinton, die in „Okja“ die Konzernchefin spielt und den Film mitproduziert hat, verteidigte Netflix: Das Unternehmen habe Bong bei einem großen Budget freie Hand gelassen. Und ein Kritiker bezweifelte, dass ein so eigenwilliger Film einen breiten Kinostart je eingespielt hätte.
Mija spielte die damals 13-jährige Ahn Seo-hyun. Sie erzählte in Cannes, sie habe vor dem Dreh am liebsten Schweinefleisch gegessen. Danach habe sie besser verstanden, was Tiere durchmachen. Mehr kann ein Film nicht wollen.
Für mich ist „Okja“ Bongs gesellschaftskritischster Film: Fleischindustrie, Konzernmacht und Tierschutz, erzählt aus der Sicht eines Kindes, das nichts anderes will als sein Tier zurück. Dass daraus kein Thesenfilm wird, sondern ein berührender, ist Bongs eigentliche Kunst.
Swinton und Bong lernten sich 2011 in Cannes kennen, beim Frühstück. Sie war mit „We Need to Talk About Kevin“ im Wettbewerb, er saß in einer Jury. Man versicherte einander, Fan zu sein, und beschloss, etwas gemeinsam zu machen.
Das Problem: Im Drehbuch zu „Snowpiercer“ gab es keine Rolle für sie. Also schrieb Bong eine um. Mason, die rechte Hand des Zugherrschers, war als Mann mittleren Alters angelegt. Bong machte eine Frau daraus.
Das Frühstück hat sich gelohnt.
Swinton brachte eigene Ideen mit, nach Bongs Erzählung mehr, als ihm lieb war: Sie wollte sich die Nase zu einer Schweineschnauze hochziehen. Bong bat sie aufzuhören. Übrig blieben Perücke, Brille und ein Gebiss, das Swinton selbst als den eigentlichen Star der Figur bezeichnete.
Man stelle sich dieses Gespräch in einer österreichischen Besetzungsrunde vor.
Die Vorlage ist europäisch: „Le Transperceneige“, ein französischer Comic von Jacques Lob und Jean-Marc Rochette aus dem Jahr 1982. Bong hatte ihn in einer Buchhandlung in Seoul entdeckt. Nach einer neuen Eiszeit überleben die letzten Menschen in einem Zug, der ohne Halt um die Erde fährt – die Armen hinten, die Reichen vorn.
Gedreht wurde Anfang 2013 in einem großen Studio in Prag, mit Chris Evans, Tilda Swinton, John Hurt und Song Kang-ho. Mit rund 40 Millionen Dollar war es die bis dahin teuerste koreanische Produktion. Noch vor dem Start war der Film in 167 Länder verkauft, mehr als je ein koreanischer Film zuvor. In Korea spielte er rasch rund 65 Millionen Dollar ein, und auch in Frankreich lief er gut.
In den USA wurde es zäh. Der Verleih von Harvey Weinstein wollte den Film laut Berichten um 20 Minuten kürzen. Bong verteidigte seine Fassung wie eine Stellung und hielt sie. In die amerikanischen Kinos kam sie allerdings nur mit einem kleinen Start.
Ein koreanischer Regisseur verfilmt einen französischen Comic in Tschechien. So sieht Europa als Drehort aus, wenn der Marschbefehl aus Seoul kommt.
„Mickey 17“ beruht auf dem Roman „Mickey7“ von Edward Ashton. Robert Pattinson spielt einen „Entbehrlichen“: einen Arbeiter, der bei der Besiedlung eines Eisplaneten immer wieder stirbt und jedes Mal neu ausgedruckt wird. Premiere war bei der Berlinale 2025, finanziert von Warner Bros.
Die Kritiken waren überwiegend gut. Die Bilanz nicht. Laut Variety kostete der Film nach Steuerrückerstattungen 118 Millionen Dollar, dazu kamen rund 80 Millionen für Werbung. Um im Kino die Kosten hereinzuspielen, hätte er etwa 300 Millionen gebraucht. Erwartet wurden am Ende rund 143 Millionen, der geschätzte Verlust lag bei 75 bis 80 Millionen. Eine Quelle aus dem Umfeld des Films nannte diese Schätzung zu hoch.
Per aspera ad astra, sagt der Lateiner. „Mickey 17“ kam bis zu den aspera.
Die Zurückhaltung des Publikums kann ich nachvollziehen. „Mickey 17“ übt Kritik auf allen Ebenen zugleich: an Arbeitsbedingungen, an Macht, an Kolonisierung und an der Vorstellung, dass ein Mensch nachgedruckt werden kann, sobald er verbraucht ist. Das ist klug gedacht. Leicht zu ertragen ist es nicht.
„Parasite“ habe ich in einem Wiener Kino gesehen, und selten hat für mich bei einem Film so viel zusammengepasst: tiefschwarzer Humor, Bosheit und eine präzise Gesellschaftsanalyse. Anfangs wurde im Saal noch herzhaft gelacht. Im Lauf des Abends blieb das Lachen vielen im Hals stecken.
Ich kannte den Film bereits und wusste, was kommen würde. Den meisten anderen im Saal ging es offenbar nicht so.
Warum hat er so funktioniert? Hier ist Vorsicht geboten. Erfolg lässt sich im Nachhinein immer erklären, wie ein Krimi, den man von hinten liest: Der Täter war von Anfang an verdächtig. Deshalb nur eine Beobachtung.
„Parasite“ ist eine koreanische Produktion. Zwei Familien, zwei Häuser, fast alles auf Koreanisch. Der Film war nicht für den Export gebaut. Sein Weg in die Welt schon, dazu gleich mehr.
Die Filme, in denen Bong westliche Stoffe mit westlichen Partnern erzählt, haben eine andere Geschichte: große Budgets, internationale Stars, viel Englisch – und jedes Mal ein Partner mit eigener Logik. Netflix gab Freiheit, aber keinen Kinostart. Weinstein wollte schneiden. Warner gab viel Geld, das wieder hereinkommen musste.
Meine Vermutung: Bong ist am stärksten, wo er am wenigsten erklären muss. Er denkt nicht in Schubladen, und das ist sein größtes Talent. Mit einem sehr großen Budget wird genau das zum Risiko.
Je lokaler Bong erzählt, desto weiter reisen seine Filme.
Der Erfolg trifft den Vorbereiteten. Bei „Parasite“ dauerte die Vorbereitung ein halbes Jahr und trug die Züge eines Feldzugs.
Der amerikanische Verleih Neon kaufte die US-Rechte schon in der Drehbuchphase, bevor überhaupt gedreht wurde. Neon-Chef Tom Quinn kannte Bong bereits: Er hatte Jahre davor mitgeholfen, „Snowpiercer“ doch noch in die amerikanischen Kinos zu bringen.
Finanziert hat den Film CJ Entertainment. Ausführende Produzentin war Miky Lee, Vizechefin der CJ-Gruppe und Enkelin des Samsung-Gründers. Als „Parasite“ den Oscar als bester Film gewann, hielt sie die letzte Dankesrede. Woher ihr Konzern kommt und wie er zum Filmgeschäft fand, erzähle ich in Der Zucker, der Parasite bezahlt hat.
Dann die Oscar-Kampagne: Sie begann im August 2019 und dauerte bis zur Verleihung am 9. Februar 2020, getragen von Neon, der Produktionsfirma Barunson E&A und CJ ENM. Bong und sein Hauptdarsteller Song Kang-ho gaben nach Bongs Angaben mehr als 600 Interviews und bestritten über 100 Publikumsgespräche. Die Konkurrenz hatte Plakatwände in Los Angeles und ganzseitige Anzeigen. Das „Parasite“-Team hatte die kleinere Kriegskasse und setzte auf Ausdauer. Bong selbst nannte es einen Guerillakrieg. An manchen Abenden, erzählte er, hätten sie vor Erschöpfung Nasenbluten gehabt.
Nichts dem Zufall überlassen, auch ohne die größte Armee. Das ist die eigentliche Lehre.
Das Budget muss zum Publikum passen, das ein Film tatsächlich hat. Variety rechnete vor, dass „Mickey 17“ mit Kosten von etwa 50 Millionen gut dagestanden wäre. Derselbe Film, eine andere Geschichte.
Der Vertriebsweg entscheidet mit, was ein Film sein darf. Netflix ließ Bong bei „Okja“ freie Hand und nahm dafür das Kino weg. Bei „Snowpiercer“ musste er um seine Schnittfassung kämpfen.
Das Lokale ist kein Hindernis. Bei Bong ist es die Voraussetzung.
Ein Erfolg muss begleitet werden. Rechte früh verkauft, ein Verleih, der an den Film glaubt, und ein Team, das monatelang unterwegs ist. „Parasite“ hatte alles davon.